{"id":439,"date":"2019-07-30T18:09:07","date_gmt":"2019-07-30T16:09:07","guid":{"rendered":"https:\/\/mirkokulig.com\/?p=439"},"modified":"2019-09-20T16:34:42","modified_gmt":"2019-09-20T14:34:42","slug":"439-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/439-2\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Dreiteiligkeit des Hauptunterrichtes"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mirko Kulig, 2016<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/mirkokulig.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/\u00dcber-die-Dreiteiligkeit-des-Hauptunterrichtes.pdf\">Hier herunterladen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Eine schnelle Internetsuche mit den Worten &#8220;Rhythmischer Teil&#8221;\nergibt eine lange Liste von Resultaten aus Webseiten der Waldorfschulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Webseite der Schule X, zum Beispiel, liest man:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Unabh\u00e4ngig vom Fach, gliedert sich jeder\nUnterrichtsmorgen in drei Teile: Rhythmischer Teil , Lernteil des Faches,\nErz\u00e4hlteil.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Webseite der Schule Y liest man:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der <strong>Rhythmische Teil <\/strong>liegt in der Regel zu Beginn\ndes Hauptunterrichts. In ihm leitet der Lehrer vielseitige sprachliche,\nmusikalische oder Bewegungs\u00fcbungen an, passend zum jeweiligen Entwicklungsstand\nder Kinder. In der Unterstufe k\u00f6nnen das zum Beispiel Fingerspiele, Lieder und\nReigen sein, in Mittel- und Oberstufe sind es oft Gedichtrezitationen,\naltersgem\u00e4\u00dfe Lieder, Bewegungsspiele und \u2013\u00fcbungen. [&#8230;]&#8221; Im <strong>Lernteil <\/strong>wird\nder eigentliche Unterrichtsinhalt behandelt. [&#8230;] Nach dem \u201eEinatmungsprozess\u201c\ndes Lernteils freuen sich die Kinder darauf, zum Abschluss des Unterrichts\nentspannt dem <strong>Erz\u00e4hlteil <\/strong>zuh\u00f6ren zu d\u00fcrfen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und noch auf der Webseite der Schule Z lesen wir:<\/p>\n\n\n\n<p><em>In den unteren Klassen wird zu Beginn des\nHauptunterrichts ein rhythmischer Teil durchgef\u00fchrt mit Gesang, Sprache und\nanderen k\u00fcnstlerischen Elementen, die die Kinder erfrischen und beleben. In\ndiesen Klassen wird der Hauptunterricht mit einer zum Jahresthema geh\u00f6renden\nGeschichte abgeschlossen. Je h\u00f6her man in den Klassenstufen kommt, desto k\u00fcrzer\nwerden rhythmischer Teil und Geschichte und umso mehr steht der Lernteil im\nVordergrund.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dreiteiligkeit des Hauptunterrichtes, die sich in Rhythmischer Teil,\nLern- und Erz\u00e4hlteil gliedert, scheint eine anerkannte und verbreitete Praxis\nbei den deutschen Waldorfschulen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2010 auf dem &#8220;Rundbrief Nr. 38 der P\u00e4dagogischen Sektion am\nGoetheanum&#8221; erschien ein Artikel von Christof Wiechert, der damalige\nSektionsleiter der P\u00e4dagogik am Goetheanum, mit dem Titel &#8220;Zur Frage der Dreiteiligkeit des\nHauptunterrichtes&#8221;. Darin k\u00f6nnen wir lesen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Folgenden soll dargestellt werden, dass die klassische\nUnterteilung des Hauptunterrichtes in den Schulstufen 1 bis 8 in rhythmischen\nTeil, Arbeits- und Erz\u00e4hlteil, die Lebensvorg\u00e4nge einer Klasse in dieser\nMorgenzeit pr\u00e4gt. Diese Pr\u00e4gung ist stark und wird undiskutiert als ein Wesensmerkmal\nder Praxis der Waldorfschule betrachtet. Es soll gezeigt werden, dass f\u00fcr diese\nEinteilung keinerlei Anhalt in den \u00c4usserungen oder Angaben Steiners vorhanden\nist. Des Weiteren soll dargestellt werden, dass diese Einteilung dem\nnotwendigen rhythmischen und k\u00fcnstlerischen Tun im Wege steht und dass sie ein\nHemmschuh f\u00fcr Lernvorg\u00e4nge darstellen kann. Auch wird gezeigt werden, wie diese\nEinteilung des Morgens in wichtigen Teilen der Menschenkunde widerspricht. Zum\nSchluss wird dargestellt wie Sch\u00fcler auf Grundlage dieser Dreiteilung in ihrem\nVerhalten beurteilt werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und auf der dritten Seite schreibt Wiechert:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zur Dreiteilung des Hauptunterrichtes (Epochenunterricht)\ngibt es keinen Anhaltspunkt im Werk\nSteiners, weder in den Vortr\u00e4gen noch im Korpus der Konferenzen. Das\nmuss auch nicht unbedingt der Fall sein, wenn etwas Sinnvolles entwickelt\nwerden w\u00fcrde. Das Neue muss dann aber dem Verst\u00e4ndnis durch die Menschenkunde\nentsprechen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In meinen Recherchen habe ich dennoch Vortr\u00e4ge Steiners gefunden in denen\ner von einer Dreiteiligkeit des Hauptunterrichtes spricht, auch wenn er sie\nnicht mit diesem Namen nennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vortrag vom 14 Juni 1921 in Stuttgart sagte Steiner<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nehmen wir zum Beispiel den Physikunterricht. Wir\nexperimentieren mit dem Kinde. [&#8230;] so da\u00df wir sagen k\u00f6nnen: der ganze Mensch\nwird in Anspruch genommen, solange wir experimentieren. [&#8230;] Nun denken Sie\nsich: ich experimentiere zun\u00e4chst. Da strenge ich den ganzen Menschen an. Das\nist zun\u00e4chst viel. Nun lenke ich die Aufmerksamkeit der Kinder ab von den\nGer\u00e4ten, die da stehen, mit denen ich experimentiert habe, und ich gehe das\nganze noch einmal durch. Indem ich an die Erinnerung des unmittelbar Erlebten\nappelliere, gehe ich das ganze noch einmal durch. Wenn man so etwas durch- geht,\nwenn man es gleichsam rekapituliert, es Revue passieren l\u00e4\u00dft, ohne da\u00df die\nAnschauung da ist, dann wird besonders das rhythmische System des Menschen\nbelebt. Nachdem ich den ganzen Menschen beansprucht habe, beanspruche ich sein\nrhythmisches System und sein Kopf system; denn nat\u00fcrlich bet\u00e4tige ich auch das\nKopf System, wenn ich dieses rekapituliere. So kann ich die Stunde zu Ende\ngehen lassen. Ich habe zun\u00e4chst den ganzen Menschen bet\u00e4tigt, dann vorzugsweise\nsein rhythmisches System, und jetzt lasse ich ihn nach Hause gehen. Nun schl\u00e4ft\ner. Indem er nun schl\u00e4ft, lebt dasjenige, was ich zuerst im ganzen Menschen,\ndann im rhythmischen System bet\u00e4tigt habe, in den Gliedma\u00dfen weiter, wenn\nastralischer Leib und Ich herau\u00dfen sind. Wir wollen jetzt unser Augenmerk auf\ndasjenige richten, was im Bette bleibt, was weiterklingen l\u00e4\u00dft, was ich mit dem\nKinde durchgenommen habe. Dann str\u00f6mt gewisserma\u00dfen das Ganze, was da im ganzen\nMenschen sich ausgebildet hat, und dasjenige, was im rhythmischen System sich\nausgebildet hat, das str\u00f6mt in den Kopfmenschen herauf. Davon bilden sich\nBilder im Kopfmenschen. Die findet der Mensch dann vor, wenn er am n\u00e4chsten\nMorgen aufwacht und zur Schule kommt. Es ist tats\u00e4chlich so: wenn die Kinder am\nn\u00e4chsten Tag in die Schule kommen, haben sie, ohne da\u00df sie es wissen, im Kopf die\nBilder dessen, was ich gestern experimentiert habe, und was ich dann wiederholt\nhabe, recht bildlich wiederholt habe, so da\u00df alles als Bild im Kopfe ist. Ich\nkriege die Kinder am n\u00e4chsten Morgen mit Photographien im Kopf von dem, was ich\ngestern experimentiert habe; so kommen die Kinder.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nun, am n\u00e4chsten Tage kann ich mehr reflektierend,\nbetrachtend mich ergehen \u00fcber dasjenige, was ich am letzten Tag experimentiert und\nrein erz\u00e4hlend wiederholt habe, mehr f\u00fcr die Phantasie wiederholt habe. Ich\nergehe mich jetzt in Betrachtungen dar\u00fcber. Da komme ich dem Bewu\u00dftwerden der\nBilder, die bewu\u00dft werden sollen, entgegen. Also ich gebe eine Physikstunde,\nich experimentiere, ich wiederhole vor den Kindern dasjenige, was geschehen ist;\nam n\u00e4chsten Tag, da stelle ich die Betrachtungen an, die dazu f\u00fchren, da\u00df das\nKind die Gesetze kennenlernt von dem, was da vor sich gegangen ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Darstellung, vor allem im letzten Satz, kann man 3 Phasen\nerkennen, die in zwei Tagen stattfinden: <em>&#8220;Wir\nexperimentieren&#8221;, &#8220;ich gehe das ganze noch einmal durch&#8221;, &#8220;am\nn\u00e4chsten Tag, da stelle ich die Betrachtungen an, die dazu f\u00fchren<\/em>, <em>da\u00df das Kind die Gesetze kennenlernt&#8221;.<\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Steiner geht dann im gleichen Vortrag weiter:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nehmen wir an, ich\nerteile Geschichtsunterricht. [&#8230;] Ich erz\u00e4hle zun\u00e4chst heute den Kindern die\nblo\u00dfen Tatsachen, die Tatsachen, die sich \u00e4u\u00dferlich im Raum und in der Zeit\nabspielen. Das packt wiederum den ganzen Menschen, wie das Experiment den\nganzen Menschen packt, weil der Mensch gen\u00f6tigt ist, r\u00e4umlich vorzustellen. [&#8230;]\nWenn ich dies gemacht habe, dann versuche ich, daran zu kn\u00fcpfen ein wenig etwas\n\u00fcber die Personen, die vorgekommen sind, oder auch \u00fcber die Ereignisse, die\nvorgekommen sind, aber nicht indem ich tats\u00e4chlich erz\u00e4hle, sondern anfange zu\ncharakterisieren; also indem ich die Aufmerksamkeit auf dasjenige hinlenke, was\nich zuerst hingestellt habe, aber jetzt etwas charakterisiere. Nachdem ich\ndiese zwei Etappen gemacht habe, habe ich zuerst den ganzen Menschen angestrengt,\nund indem ich charakterisiert habe, habe ich gerade den rhythmischen Menschen\nangestrengt. Jetzt entlasse ich das Kind. Morgen empfange ich es. Da bringt es\nmir wieder die geistigen Photographien des am vorigen Tage Mitgemachten im\nKopfe. Ich komme ihm entgegen, wenn ich so&nbsp;\nankn\u00fcpfe, da\u00df ich jetzt mehr Betrachtungen dar\u00fcber anstelle, zum\nBeispiel dar\u00fcber, ob Mithradates oder Alkibiades ein anst\u00e4ndiger Mensch war\noder nicht, also mehr betrachtliches. Ich mu\u00df dabei an dem einen Tag das mehr\nobjektive &nbsp;charakterisierende, am anderen\nTag das Urteilende, Betrachtende darstellen, dann wirke ich dahin, da\u00df sich die\ndrei Glieder des dreigliedrigen Menschen tats\u00e4chlich in der richtigen Weise\nineinander einf\u00fcgen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier erkennen wir drei Phasen: <em>&#8220;Ich\nerz\u00e4hle zun\u00e4chst heute den Kindern die blo\u00dfen Tatsachen&#8221;, <\/em>dann <em>&#8220;charakterisiere&#8221;<\/em> ich die\nTatsachen, am n\u00e4chsten Tag schildere ich das ganze &#8220;<em>mehr betr\u00e4chtlich&#8221;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kapitel &#8220;Lehr- und Lernprozesse&#8221; vom Buch &#8220;P\u00e4dagogischer\nAuftrag und Unterrichtsziele &#8211; vom Lehrplan der Waldorfschule&#8221; von Tobias\nRichter lesen wir:<\/p>\n\n\n\n<p><em>So baut die Lehr- und\nLernmethodik auf der rhythmischen Abfolge der drei Phasen jedes selbst\u00e4ndigen\nVorganges im Erkennen, Verstehen und Beherrschen der Inhalte auf: <\/em><\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li><em>Erleben, Beobachten, Experimentieren<\/em><\/li><li><em>Erinnern, Beschreiben, Charakterisieren, Aufzeichnen<\/em><\/li><li><em>Verarbeiten, Analysieren, Abstrahieren, Generalisieren (Theorienbildung).<\/em><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><em>Dabei muss allerdings ber\u00fccksichtigt werden, dass es\nnicht innerhalb einer Unterrichtseinheit bis zur \u201cSicherung des Lernertrages\u201d\nin der dritten Phase kommen soll. Nach dem Erleben (1.) und Beschreiben (2.)\nwird eine Pause eingeschaltet, in der, auch durch die Nacht hindurch, Abstand\nvom Aufgenommenen m\u00f6glich wird. Erst am folgenden Tag wird der letzte\nLernschritt vollzogen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dreiteilung von Richter scheint auch aus dem erw\u00e4hnten Vortrag zu\nstammen. In beiden F\u00e4llen spricht man von drei Phasen die in zwei Tagen\nstattfinden, 1. und 2. Phase am ersten Tag, 3. Phase am zweiten Tag. Diese\nDreiteilung unterscheidet sich von der Dreiteilung von der wir am Anfang des\nArtikels gesprochen haben und die Wiechert untersucht hat. Da hatten wir die\ndrei Phasen am gleichen Tag, nicht drei Phasen in zwei Tagen. Die Bezeichnungen\nder drei Phasen unterscheiden sich auch. Im ersten Fall hatten wir:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Rhythmischer\n     Teil<\/li><li>Lernteil<\/li><li>Erz\u00e4hlteil<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Im zweiten Fall haben wir:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Experimentierteil<\/li><li>Beschreibungsteil<\/li><li>Verarbeitungs-\n     oder Betrachtungsteil<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Dass die erste Dreiteilungsweise der Menschenkunde in wichtigen Teilen\nwiderspricht, wurde schon von Wiechert in seinem Artikel dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden jetzt den Versuch machen die zweite Dreiteilungsweise des\nHauptunterrichtes durchzuleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Betrachtung der Lernvorg\u00e4nge wird mit drei Beispielen, die aus der\nrealen Lebenserfahrung entnommen sind, durchgef\u00fchrt. Wir denken, dass der Leser\nsie mit seinen Gedanken folgen und anerkennen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>1. Ich befinde mich im Warteraum einer Artzpraxis. Ich nehme eine\nZeitschrift in die Hand und beginne sie ohne viel Interesse durchzubl\u00e4ttern.\nDie ersten vier Seiten sind nur geschrieben, so \u00fcberfliege ich sie schnell bis\nich auf der f\u00fcnften Seite eine Photografie sehe die meine Aufmerksamkeit anregt.\nEs ist das Bild einer Berglandschaft, mit blauem Himmel, einem Bergsee,\nNadelw\u00e4lder und schneebedeckten Spitzen. Ich frage mich wo diese Landschaft\nist, also suche ich die Bildunterschrift wo der Ort des Bildes angegeben ist.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Ich bin ein dilettantischer Filmhersteller und ich habe gerade eine\nprofessionelle Videokamera gekauft. Ich \u00f6ffne die Verpackung, nehme sie in die\nHand und schaue alle Einzelheiten an w\u00e4hrend ich das Gewicht, die Handlichkeit\nund das Design wahrnehme. Falls der Akku schon geladen ist (was heutzutage gew\u00f6hnlich\nder Fall ist), schalte ich sie an und pr\u00fcfe mit einigen Testaufnahmen die\nverschiedenen Funktionen. Ich finde einige Drucktasten deren Funktion ich nicht\nkenne. Ich nehme die Bedienungsanleitung und suche nach der unbekannten\nDrucktaste auf dem Kamerabild im Handbuch und lese die Beschreibung dessen\nFunktion.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Ich gehe spazieren mit einem jungen Kind das noch nicht gut sprechen kann.\nAuf der Wiese neben dem Weg sieht das Kind einen Esel (das erste Mal in seinem\nLeben). Vorher hatte es schon ein Pferd gesehen. Das Kind zeigt auf den Esel\nmit der Hand und sagt &#8220;Schau Mal, ein kleines Pferd&#8221;. Ich sage ihm\ndass dies ein Esel ist, der sich vom Pferd von der Gr\u00f6sse her, von den Ohren,\nusw. unterscheidet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was vereinigt diese drei Beispiele? Im ersten Beispiel wurde meine\nAufmerksamkeit von einem Bild angezogen. Im zweiten Beispiel nehme ich die\nVideokamera in die Hand, schaue sie an und pr\u00fcfe sie. Im dritten Beispiel wurde\ndie Aufmerksamkeit des Kindes von einem Esel angezogen. Ein Bild anzuschauen,\netwas antasten, etwas anschauen, etwas pr\u00fcfen, den Esel anzusehen, dies sind\nalles Wahrnehmungen. In unseren Lernvorg\u00e4ngen kommt es uns nat\u00fcrlich mit der\nWahrnehmung anzufangen. Die Wahrnehmungen regen unser Interesse und unsere\nBetrachtung an und sobald wir etwas Unbekanntes anschauen, entsteht in uns die\nFrage. Es ist unwahrscheinlich, dass ich die erste lediglich geschriebene Seite\nder Zeitschrift zu lesen anfange. Das w\u00e4re vielleicht nur der Fall, wenn ich\ndie Zeitschrift gekauft h\u00e4tte weil sie f\u00fcr mich interessante Themen behandelt\noder weil der Titel eines Artikels meine Aufmerksamkeit anzieht. In gleicher\nWeise, ist es unwahrscheinlich, dass ich im zweiten Beispiel die\nBedienungsanleitung lese bevor ich die Videokamera aus der Verpackung genommen\nund ein bisschen angeschaut habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Vorgang wird in eleganter Weise von Rudolf Steiner in seiner <em>Philosophie der Freiheit<\/em> dargestellt<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir m\u00fcssen uns\nvorstellen, da\u00df ein Wesen mit vollkommen entwickelter&nbsp; menschlicher Intelligenz aus dem Nichts\nentstehe und der Welt gegen\u00fcbertrete. Was es da gewahr w\u00fcrde, bevor es das\nDenken in T\u00e4tigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt. Die Welt\nzeigte dann diesem Wesen nur das blo\u00dfe zusammenhanglose Aggregat von Empfindungsobjekten: Farben, T\u00f6ne,\nDruck-, W\u00e4rme-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann Lust- und\nUnlustgef\u00fchle. Dieses Aggregat ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen\nBeobachtung. Ihm gegen\u00fcber steht das Denken, das bereit ist, seine T\u00e4tigkeit zu\nentfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet. Die&nbsp; Erfahrung lehrt bald, da\u00df er sich findet. Das\nDenken ist imstande, F\u00e4den zu ziehen von einem Beobachtungselement zum andern.\nEs verkn\u00fcpft mit diesen Elementen bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in\nein Verh\u00e4ltnis.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir jetzt die Ausz\u00fcge\nSteiners \u00fcber den Physik- und Geschichteunterricht und die Betrachtungen\nRichters \u00fcber die Dreiteiligkeit des Hauptunterriches wieder anschauen, sehen\nwir, dass die erste Phase des Unterrichts immer als Wahrnehmung von etwas Neuem\ngeschildert wird. F\u00fcr den Physikunterricht spricht Steiner von &#8220;<em>Wir experimentieren&#8221;<\/em>, f\u00fcr den\nGeschichteuntterrricht spricht er von <em>&#8220;Ich\nerz\u00e4hle zun\u00e4chst heute den Kindern die blo\u00dfen Tatsachen&#8221;<\/em>, und Richter,\nin Bezug auf die erste Phase, spricht von <em>&#8220;Erleben,\nBeobachten, Experimentieren&#8221;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In den gegebenen\nBeispielen, wenn die Aufmerksamkeit und die Betrachtung angeregt werden, kommt\nsofort der zweite Schritt: man sucht in sich selbst einen Bezug zwischen der\nWahrnehmung und was man schon kennt. In anderen Worten, wie Steiner es in der <em>Philosophie der Freiheit<\/em> dargestellt\nhat, man versucht das Gesehene mit bestimmten Begriffen in Bezug zu setzen. Im\nersten Beispiel, der Ort wo das Photo aufgenommen wurde, erlaubt mir das Bild\nin meine Weltvorstellung einzugliedern. Im zweiten Beispiel, sowie ich die\nunbekannte Drucktaste erkannt habe (was nur durch eine Wahrnehmung m\u00f6glich\nist), suche ich auf der Bedienungsanleitung die dazugeh\u00f6rigen Begriffe. Im\ndritten Beispiel, sobald das Kind den Esel sieht, sucht es in sich selbst den\nentsprechenden Begriff, und findet ihn in etwas was es schon kennt und dass\nsich der Wahrnehmung am meisten n\u00e4hert: den Begriff eines Pferdes.<\/p>\n\n\n\n<p>Steiner schildert auch\ndiesen Prozess in der <em>Philosophie der\nFreiheit<a href=\"#_ftn3\"><strong>[3]<\/strong><\/a><\/em>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bei denkenden Wesen\nst\u00f6\u00dft dem Au\u00dfendinge gegen\u00fcber der Begriff auf. Er ist dasjenige, was wir von\ndem Dinge nicht von au\u00dfen, sondern von innen empfangen. Den Ausgleich, die\nVereinigung der beiden Elemente, des inneren und des \u00e4u\u00dferen, soll die Erkenntnis liefern. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Wahrnehmung ist\nalso nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern die eine Seite der totalen\nWirklichkeit. Die andere Seite ist der Begriff. Der Erkenntnisakt ist die\nSynthese von Wahrnehmung und Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges\nmachen aber erst das ganze Ding aus.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Jemand k\u00f6nnte einwenden, dass ich den, des Bildes (der Landschaft) zugeh\u00f6rigen\nBegriff in der Bildunterschrift und nicht in mir selbst gesucht habe. Wenn aber\nder Name des Ortes mir ganz unbekannt ist und ich das Bild in meiner inneren\nWeltkarte nicht einordnen kann, wird mein Wissensbegehren unerf\u00fcllt bleiben.\nAuf \u00e4hnliche Weise, wenn die Drucktaste der Videokamera die ich in der\nBedienungsanleitung gesucht habe, eine Funktion hat von der ich nie geh\u00f6rt\nhabe, werde ich sie pr\u00fcfen m\u00fcssen (ihre Funktion wahrnehmen) um in mir einen\nneuen entsprechenden Begriff zu erschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Steiner sagt, dass sich die ganze Wirklichkeit aus Wahrnehmung und Begriff\nzusammenstellt. Ein einfaches Beispiel kann die Richtigkeit dieser Behauptung\nzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich befinde mich in der Ebene und betrachte den sich um mich herum\nausbreitenden Horizont. Diese einfache Wahrnehmung w\u00fcrde die Schlussfolgerung bringen,\ndass die Welt flach ist. Jetzt gehe ich auf einen Berg und stelle fest, dass\nman von oben weiter sehen kann. Um diese zwei Wahrnehmungen sinnvoll zu\nverbinden, muss ich den Begriff von Kr\u00fcmmung, den ich schon aus anderen\nBetrachtungen gewonnen habe, hineinziehen, der mir die Wirklichkeit der\nErdkr\u00fcmmung zur Erkenntnis bringt. Die Verbindung der verschiedenen\nWahrnehmungen mit den entsprechenden Begriffen und deren Verbindung untereinander\nwird vom Denken erschafft, sie kommt nicht unmittelbar mit den Wahrnehmungen\nauf mich zu. Es ist demnach richtig zu sagen, dass die Wirklichkeit sich aus\nWahrnehmung und Begriff zusammenstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit jeder Wahrnehmung kommt aber auch ein anderes Element dazu. Wenn das\nKind, nachdem es den Esel gesehen hat, die Augen schlie\u00dft, kann es noch das\nBild des Esels vor sich sehen. Steiner schildert diese Bemerkung in folgender\nWeise<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mein\nWahrnehmungssubjekt bleibt f\u00fcr mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der soeben vor\nmir steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein wird. Die\nBeobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Ver\u00e4nderung in mir\nhervorgerufen. Ich behalte die F\u00e4higkeit zur\u00fcck, ein Bild des Tisches sp\u00e4ter\nwieder zu erzeugen. Diese F\u00e4higkeit der Hervorbringung eines Bildes bleibt mit\nmir verbunden. Die Psychologie bezeichnet dieses Bild als\nErinnerungsvorstellung. Es ist aber dasjenige, was allein mit Recht Vorstellung des Tisches genannt\nwerden kann. Es entspricht dies n\u00e4mlich der wahrnehmbaren Ver\u00e4nderung meines\neigenen Zustandes durch die Anwesenheit des Tisches in meinem Gesichtsfelde.\n[&#8230;] Die Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur\nobjektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes im\nWahrnehmungshorizonte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und charakterisiert die Vorstellung im Kapitel VI:<\/p>\n\n\n\n<p><em>In dem Augenblicke,\nwo eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte auftaucht, bet\u00e4tigt sich\ndurch mich auch das Denken. Ein Glied in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte\nIntuition, ein Begriff verbindet sich mit der Wahrnehmung. Wenn dann die Wahrnehmung\naus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zur\u00fcck? Meine Intuition mit\nder Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich im Momente des\nWahrnehmens gebildet hat. Mit welcher Lebhaftigkeit ich dann sp\u00e4ter diese\nBeziehung mir wieder vergegenw\u00e4rtigen kann, das h\u00e4ngt von der Art ab, in der\nmein geistiger und k\u00f6rperlicher Organismus funktioniert. Die Vorstellung ist nichts anderes als\neine auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff, der einmal\nmit einer Wahrnehmung verkn\u00fcpft war, und dem der Bezug auf diese Wahrnehmung\ngeblieben ist. Mein Begriff eines L\u00f6wen ist nicht aus meinen Wahrnehmungen von L\u00f6wen gebildet. Wohl aber ist meine\nVorstellung vom L\u00f6wen an der\nWahrnehmung gebildet. Ich kann jemandem den Begriff eines L\u00f6wen beibringen, der\nnie einen L\u00f6wen gesehen hat. Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird\nmir ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Vorstellung ist also ein\nindividualisierter Begriff. [&#8230;] Die Vorstellung steht also zwischen\nWahrnehmung und Begriff. Sie ist der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende\nBegriff.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend sagt Steiner:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Als Wahrnehmung und\nBegriff stellt sich uns die Wirklichkeit, als Vorstellung die subjektive\nRepr\u00e4sentation dieser Wirklichkeit dar.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Was ist hier mit <em>subjektiver\nRepr\u00e4sentation der Wirklichkeit<\/em> oder <em>individualisierter\nBegriff <\/em>gemeint? Ich werde versuchen es mit einem der oben gegebenen\nBeispielen zu kl\u00e4ren. Im ersten Beispiel, das des Bildes der Berglandschaft, wird\ndie innerliche Vorstellung der gleichen Wahrnehmung im Falle eines Tuaregs der\nSahara W\u00fcste ziemlich verschieden sein von der eines Geologen. Der Geologe, zum\nBeispiel, wird sofort den Begriff &#8220;Kalkstein&#8221; oder\n&#8220;Granitstein&#8221; mit dem Bild verbinden, Begriffe die dem Tuareg sehr\nwahrscheinlich unbekannt sind. Der Geologe k\u00f6nnte auch den Begriff\n&#8220;glaziale Erosion&#8221;, und eine Reihe von anderen Begriffen mit der\nWahrnehmung der Berglandschaft verbinden. Der Tuareg wird sehr wahrscheinlich\nnicht wahrnehmen, dass das Tal im Bild die typische von Gletscher geformte\nU-Form hat, eben weil er mit solch einer Beobachtung keinen Begriff verbindet.\nEiner dritten Person k\u00f6nnte das Bild die Erinnerung eines besuchten Ortes\nzur\u00fcckrufen. Sie w\u00fcrde dann bemerken &#8220;Es sieht dem X Berg \u00e4hnlich&#8221;.\nJeder Mensch steckt die gleiche Wahrnehmung in einen Kontext, in ein\ninnerliches Weltbild ein das, eben weil jeder Mensch verschiede Erfahrungen\ngemacht hat, individuell ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem allem kommt noch ein von der Wahrnehmung entsprungenes Gef\u00fchl dazu, dass\nsich mit der individuellen Vorstellung verbindet und dass von Mensch zu Mensch\nunterschiedlich sein kann. Die Spinne die dem M\u00e4del ein Gef\u00fchl von Schreck verursacht,\nwird vom Entomologen mit Neugierde angeschaut. Dementsprechend f\u00fcgt Steiner\nhinzu:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Summe\ndesjenigen, wor\u00fcber ich Vorstellungen bilden kann, darf ich meine Erfahrung\nnennen. Derjenige Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der eine gr\u00f6\u00dfere\nZahl individualisierter Begriffe hat. Ein Mensch, dem jedes Intuitionsverm\u00f6gen\nfehlt, ist nicht geeignet, sich Erfahrung zu erwerben. Er verliert die\nGegenst\u00e4nde wieder aus seinem Gesichtskreise, weil ihm die Begriffe fehlen, die\ner zu ihnen in Beziehung setzen soll. Ein Mensch mit gut entwickeltem\nDenkverm\u00f6gen, aber mit einem infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht\nfunktionierenden Wahrnehmen, wird ebensowenig Erfahrung sammeln k\u00f6nnen. Er kann\nsich zwar auf irgendeine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt\nder lebendige Bezug auf bestimmte Dinge. Der gedankenlose Reisende und der in\nabstrakten Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich unf\u00e4hig, sich eine\nreiche Erfahrung zu erwerben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Um zum Thema dieses\nSchreibens zur\u00fcckzukommen, gehen wir zur Phase zwei des Hauptunterrichts wie es\nvon Steiner geschildert wurde, \u00fcber. Im Beispiel der Physik spricht er von <em>an die Erinnerung des unmittelbar Erlebten\nappellieren<\/em>, im Beispiel des Geschichteunterrichts spricht er von <em>daran zu kn\u00fcpfen ein wenig etwas \u00fcber die\nPersonen, die vorgekommen sind, oder auch \u00fcber die Ereignisse &#8230; zu\ncharakterisieren<\/em>. Richter, in Bezug zur zweiten Phase, spricht von <em>erinnern, beschreiben, charakterisieren, aufzeichnen<\/em>.\nMan kann einen klaren Hinweis zur Vorstellung des Wahrgenommenen erkennen. Wenn\nich mich an ein Experiment erinnere, kann ich nur auf das, was mir geblieben\nist als Vorstellung des Erlebten, zur\u00fcckgreifen, weil die Wahrnehmung beendet\nist. Meine Erinnerung ist was Steiner die <em>wahrnehmbare\nVer\u00e4nderung meines eigenen Zustandes<\/em> nennt. Wenn ich charakterisiere, leite\nich die Betrachtung der Sch\u00fcler zu Einzelheiten die vielleicht, eben weil sie\nkeine entsprechenden Begriffe haben, nicht beachtet wurden. Im ersten Beispiel\nk\u00f6nnte ich die Sch\u00fcler darauf hinweisen, dass das Tal im Bergland wie ein U\ngeformt ist, oder dass die B\u00e4ume der W\u00e4lder spitzig sind (Nadelb\u00e4ume) oder dass\nder Schnee auf den Bergspitzen in einigen Stellen dicker zu sein scheint\n(Gletscher). Es gibt unz\u00e4hlige Beobachtungen, die man \u00fcber eine Wahrnehmung\nmachen kann und es ist nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass die Sch\u00fcler diese\ngewissenhaft durchgef\u00fchrt haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Auftrag\ndieser zweiten Phase ist also das Beschreiben des Erlebten zu \u00fcben, die\nF\u00e4higkeit zu \u00fcben sich eine Vorstellung zu bilden. Richter f\u00fcgt auch das\nZeichnen hinzu, was in den meisten Vorstellungen auch sinnvoll ist, da sie oft\nals &#8220;bildliche Vorstellungen&#8221; vorkommen. Es gibt aber auch\nVorstellungen die nicht als Bild erinnert werden. Der Geschmack einer Frucht\nund der Donner w\u00e4hrend eines Gewitters sind solche Beispiele. Sie k\u00f6nnen als\nVorstellung angesehen werden weil sie individuellen Charakter haben. Beide\nk\u00f6nnen einem gefallen oder nicht gefallen. Der Geschmack eines Apfels, wenn er\neinmal wahrgenommen wurde, kann vom Geschmack einer Birne unterschieden werden.\nDas w\u00e4re sehr schwierig, wenn man nur den Begriff des Geschmackes eines Apfels\nh\u00e4tte (s\u00fc\u00df, sauer, usw). Wie es Steiner mit dem Beispiel des L\u00f6wen schildert,\nich kann jemandem den Begriff des Geschmackes des Apfels \u00fcbermitteln, aber ich\nwerde ihm nicht <em>eine lebendige\nVorstellung beibringen [..] ohne sein eigenes Wahrnehmen<\/em>. Wer nie einen\nApfel gegessen hat aber den Begriff des Apfels kennt, wird es schwer haben den\nApfel beim ersten Biss zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den\ngegebenen Beispielen sind wir immer vom Gedanken ausgegangen, dass die der\nBeobachtung angeh\u00f6rigen Begriffe schon bekannt sind (es w\u00e4re andernfalls nicht\nm\u00f6glich gewesen Beispiele zu bringen, wenn ich unbekannte Begriffe gebraucht\nh\u00e4tte). Es ist aber offensichtlich, dass im ersten Beispiel jemand den Begriff\nvon Berg oder im zweiten Beispiel den Begriff von Videokamera nicht haben\nk\u00f6nnte. Solche Umst\u00e4nde sind im Lehren \u00fcblich. Die Kinder kommen zur Schule\neben um Neues zu lernen und um neue Begriffe zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten\nBeispiel, wenn das Kind den Esel sieht und es f\u00fcr ein Pferd h\u00e4lt, folgt die\nErkl\u00e4rung des Erwachsenen die ihm den neuen Begriff vom Esel beibringt. Dieser\nneue Begriff wird vom Kind aufgenommen und verbindet sich mit der Vorstellung\ndes Esels als etwas von einem Pferd Abweichendes. Wenn jemand, der nie einen\nBerg gesehen oder von ihm geh\u00f6rt hat und das Bild der Berglandschaft im ersten\nBeispiel sieht, der sucht nach einen neuen Begriff um diese Wahrnehmung zu\nwiderspiegeln (die Frage lautet &#8220;Was ist das?&#8221;). Diese suchende\nVerfassung entsteht, obwohl der Mensch vom Bild eine Wahrnehmung erlebt und sich\neine Vorstellung gebildet hat. Wenn wir an den Fall des Tuaregs zur\u00fcckdenken,\nk\u00f6nnte er das U-Geformte Tal sowie die Verdickung des Schnees wahrgenommen\nhaben aber die entsprechenden Begriffen fehlen ihm noch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt also\neine dritte Phase im Lernvorgang, die der Suche nach der der&nbsp; Wahrnehmung dazugeh\u00f6rigen Begriffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Steiner\nschildert diese dritte Phase in folgender Weise: <em>am n\u00e4chsten Tag, da stelle ich die Betrachtungen an, die dazu f\u00fchren,\nda\u00df das Kind die Gesetze kennenlernt<\/em> und <em>am anderen Tag das Urteilende, Betrachtende darstellen<\/em>. Richter\nbeschreibt die dritte Phase als die in der man <em>verarbeitet, analysiert, abstrahiert<\/em>. Das Ziel dieser dritten Phase\nist durch \u00dcberlegungen, begriffliche Zusammenh\u00e4nge, usw. die der Wahrnehmung\nentsprechenden Begriffe dem Kind erkennen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nzusammenfassender R\u00fcckblick auf das hier Geschilderte, schlagen wir vor dass\nder nat\u00fcrliche Lernvorgang, den wir durch die Analyse des menschlichen\nLernprozesses erkennen und der von Steiner ausf\u00fchrlich in seiner <em>Philosophie der Freiheit <\/em>dargestellt wurde\nals sich zusammensetzend aus:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Wahrnehmung<\/li><li>Vorstellung<\/li><li>Begriff<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>die philosophisch-ph\u00e4nomenologische\nGrundlage der folgenden Dreiteiligkeit des Hauptunterrichtes darstellt:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Erleben, Beobachten, Experimentieren<\/li><li>Erinnern, Beschreiben, Charakterisieren, Aufzeichnen<\/li><li>Verarbeiten, Analysieren, Abstrahieren, Generalisieren<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Zwischen diesen Elementen\nglauben wir die folgenden direkten Beziehungen zu erkennen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Erleben, Beobachten,\nExperimentieren&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211;&gt;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wahrnehmung<\/li><li>Erinnern, Beschreiben,\nCharakterisieren, Aufzeichnen&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211;&gt;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vorstellung<\/li><li>Verarbeiten, Analysieren,\nAbstrahieren, Generalisieren&nbsp; &#8211;&gt;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Begriff<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Hinweis Steiners, die dritte Phase am n\u00e4chsten Tag und nicht am\ngleichen Tag der ersten zwei Phasen durchzuf\u00fchren, f\u00fcge ich noch eine\npers\u00f6nliche Meinung bei. Wie schon oben geschildert, zieht die Vorstellung\nimmer Gef\u00fchle ein die individuell sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrung lehrt uns, dass starke Gef\u00fchle die objektive Einsch\u00e4tzung\neines Ph\u00e4nomens behindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrung lehrt uns auch, dass der Schlaf starke Gef\u00fchle lindert.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne, wird es am n\u00e4chsten Tag einfacher das Erlebte frei von\nGef\u00fchlen, also mehr sachlich einzusch\u00e4tzen. Das stimmt auch mit der\nFormulierung Richters \u00fcberein: &#8230; <em>wird\neine Pause eingeschaltet, in der, auch durch die Nacht hindurch, Abstand vom\nAufgenommenen m\u00f6glich wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als Abschluss will ich noch eine Erw\u00e4gung \u00fcber die Dreiteiligkeit, die am\nAnfang dieses Schreibens mit den folgenden drei Teilen beschrieben wird,\nanf\u00fcgen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Rhythmischer\n     Teil<\/li><li>Lernteil<\/li><li>Erz\u00e4hlteil<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>M\u00fcssen wir diese Dreiteiligkeit wirklich ganz aufgeben? In meinen Studien\nder anthroposophischen Literatur habe ich einen Auszug des Buches von E. A.\nKarl Stockmeyer &#8220;Angaben Rudolf Steiners f\u00fcr den\nWaldorfschulunterricht&#8221; gefunden wo Stockmeyer folgendes festh\u00e4lt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Um den 10. Juni 1919 machte mir Rudolf Steiner Angaben\n\u00fcber den Aufbau des Stundenplanes und der neuen Ordnung, die ihn f\u00fcr gewisse\nUnterrichtsgebiete ersetzen sollte. An drei bis vier Tagen, so sagte er, solle\nmorgens in der ersten Stunde Singen sein, an den anderen Tagen Zeichnen. Danach\nsolle z. B. Rechnen sein, also ein Fach, das man epochenweise behandeln muss,\nund dann Religion. Der Unterricht sollte nicht vor 8 Uhr beginnen und um 12 Uhr\nendigen. [&#8230;[ In dem zuletzt erw\u00e4hnten Gespr\u00e4ch vom 10. Juni gliedert ihn (den\nEpochenunterricht) Rudolf Steiner zum ersten Mal in den Tagesplan ein. Aber er\nsteht nicht am Anfang des Schulmorgens, K\u00fcnstlerisches geht ihm voran.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df Stockmeyers Bericht, gibt es mindestens einen Fall wo Steiner den\nHinweis, den Tag mit etwas K\u00fcnstlerischem anzufangen, gegeben hat. Was aber\nwesentlich zu verstehen ist, ist dass dieser k\u00fcnstlerische Teil kein Teil der\nDreiteiligkeit des Hauptunterrichtes ist, sondern ein zus\u00e4tzlicher Teil der vor\ndem Hauptunterricht eingef\u00fcgt werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man im Wahrnehmungshorizont beobachtet<\/p>\n\n\n\n<p>Kann Erkenntnisbed\u00fcrfnis erzeugen<\/p>\n\n\n\n<p>Was man als unbekannt erkennt<\/p>\n\n\n\n<p>Kann man erkennen wollen<\/p>\n\n\n\n<p>Was man erkennen will<\/p>\n\n\n\n<p>Kann man kennenlernen<\/p>\n\n\n\n<p>Mirko Kulig, 23. November 2015<br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> GA 302, dritten Vortrag<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> GA 4, IV Kapitel<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> GA 4, Kapitel V<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> GA 4, Kapitel V<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mirko Kulig, 2016 Hier herunterladen Eine schnelle Internetsuche mit den Worten &#8220;Rhythmischer Teil&#8221; ergibt eine lange Liste von Resultaten aus&hellip;<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":480,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[39,40,41,42],"class_list":["post-439","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutsch","tag-dreiteiligkeit-des-hauptunterrichtes","tag-hauptunterricht","tag-steiner-schule","tag-waldorf-schule"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=439"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/439\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":650,"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/439\/revisions\/650"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/480"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}