{"id":965,"date":"2019-08-07T10:22:48","date_gmt":"2019-08-07T08:22:48","guid":{"rendered":"https:\/\/mirkokulig.com\/?p=965"},"modified":"2019-09-20T16:29:10","modified_gmt":"2019-09-20T14:29:10","slug":"auszuge-aus-buchern-und-vorlesungen-von-steiner-zum-thema-noten-und-zeugnisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mirkokulig.com\/en\/auszuge-aus-buchern-und-vorlesungen-von-steiner-zum-thema-noten-und-zeugnisse\/","title":{"rendered":"Ausz\u00fcge aus B\u00fcchern und Vorlesungen von Steiner zum Thema Noten und Zeugnisse"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 81 Erneuerungs-Impulse f\u00fcr Kultur und\nWissenschaft<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1922<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 87<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will nur eines erw\u00e4hnen. Es ist ja heute in\nverschiedener Beziehung auch im heutigen \u00f6ffentlichen Unterricht manches besser\ngeworden. Allein, Sie wissen alle, da\u00df w\u00e4hrend des ganzen Schuljahres das Kind\neigentlich mehr als es eurem gew\u00f6hnlich bewu\u00dft wird, unter dem System leidet,\ndas die Fortschritte des Kindes beurteilt. Da gibt es auf der einen Seite die kindlichen Leistungen, auf der\nanderen Seite die Beurteilungen dieser Leistungen durch den Lehrer; die werden\nso ausgedr\u00fcckt: \u00abbefriedigend\u00bb, \u00abfast befriedigend\u00bb, \u00abfast kaum befriedigend\u00bb,\n\u00abminder befriedigend\u00bb und so weiter. Ich mu\u00df Ihnen offen gestehen: Ich war\neigentlich nie f\u00e4hig, einen Unterschied einzusehen zwischen \u00abfast\nbefriedigend\u00bb, \u00abfast nicht befriedigend\u00bb und dergleichen. Bei uns in der\nWaldorfschule handelt es sich darum, da\u00df aus der Ge\u00adsamtheit der Fortschritte\nheraus am Ende des Schuljahres dem Kinde eine Art Zeugnis \u00fcbergeben wird, in\ndem der Lehrer individuell das Kind charakterisiert, indem er einfach das, was\ner an dem Kinde erlebt hat, auf ein St\u00fcck Papier schreibt. Das Kind sieht so\neine Art Spiegelbild seiner selbst, und die Praxis hat gezeigt, da\u00df es dieses\nSpiegelbild &#8211; worauf nicht \u00abbefriedigend\u00bb, \u00abminder befriedigend\u00bb und so weiter\nf\u00fcr die einzelnen Gegenst\u00e4nde steht &#8211; mit einer gewissen inneren Befriedigung\nund Freude aufnimmt, selbst wenn darin Tadel stehen. Und dann bekommt das Kind\neine Art Kraftspruch mit, der gerade aus seiner Natur geholt ist, den es sich\ndann aneignet, und der ihm ein Leitspruch f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr sein kann. &#8211; So\nkann man, wenn man die Liebe dazu hat, auf das Lebendige einzugehen, den\nUnterricht selbst unter ung\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnissen lebendig gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>[&#8230;]<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, bis zum 20. Jahrhundert herauf hat sich der Intellektualismus in der\nMenschheit bis zu einem Kulminationspunkt entwickelt. Dieser Intellektualismus\nhat aber die Eigent\u00fcmlichkeit, da\u00df er &#8211; geradeso wie das Nachahmungsprinzip\noder das Autorit\u00e4tsprinzip &#8211; erst in einem bestimmten Lebensalter des Menschen\naus einem latenten in einen freien Zustand versetzt wird, und das ist beim\nIntellektualismus in einem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sp\u00e4ten Lebensalter der Fall. Wir\nsehen, wie der Mensch eigentlich erst, wenn er die Geschlechtsreife \u00fcberwunden\nhat, eigentlich sogar noch sp\u00e4ter, aus seiner elementaren Natur heraus geeignet\nwird, zum Intellektualistischen fortzuschreiten. Vorher wirkt das\nIntellektualistische auf seine Seelent\u00e4tigkeit durchaus abl\u00e4hmend, abt\u00f6tend.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher k\u00f6nnen wir sagen: Wir leben in einem Zeitalter, das eigentlich nur\nf\u00fcr den erwachsenen Menschen da ist, das als den wichtigsten Kulturimpuls etwas\nhat, was erst im erwachsenen Menschen voll zum Ausdruck kommen sollte. Das aber\nhat zur Folge, da\u00df wir heute mit dem, was in bezug auf die ganze Kultur f\u00fcr die\nerwachsenen Menschen gerade tonangebend ist, eigentlich das Kind und selbst den\njungen Menschen nicht mehr verstehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das wichtigste, was in unserer\nZivilisation zu ber\u00fccksichtigen ist. Wir m\u00fcssen uns dar\u00fcber klar sein, da\u00df wir\ngerade durch diejenigen Kr\u00e4fte, durch die wir unsere Wissenschaften und unsere\nTechnik zu so gro\u00dfen Triumphen und so gro\u00dfer Bl\u00fcte gebracht haben, uns die\nM\u00f6g-lichkeit nehmen, das Kindvoll zu verstehen und auf die volle Menschennatur\ndes Kindes einzugehen. Es bedarf eben wieder eigener Mittel, um die Br\u00fccke zu\ndem jungen Menschen und dem Kinde her\u00fcber zu schlagen. Das, was jetzt in\nmannigfacher Gestalt als Jugendbewegung auftritt &#8211; man mag sich dazu verhalten,\nwie man will hat seine tiefste Berechtigung; sie ist nichts anderes als der\nSchrei der Jugend: Ihr Erwachsenen habt eine Zivilisation, die wir einfach\nnicht verstehen, wenn wir uns unserer elementarsten Natur hingeben! &#8211;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA\n255 Die Anthroposophie und ihre Gegner<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1919-1921<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 197<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollten das\nzeigen auf den verschiedensten Gebieten, zum Beispiel auf dem Gebiete des\nSchulwesens, in der Waldorfschule in Stuttgart, die von Emil Molt gegr\u00fcndet und\nvon mir eingerichtet worden ist. Sie besteht seit mehr als einem Jahr. In\ndieser Waldorfschule in Stuttgart, da wird gezeigt, wie anthroposophische\nWeltanschauung praktisch in das P\u00e4dagogisch-Didaktische hineinwirken will. In\ndieser Waldorfschule handelt es sich wahrhaft nicht darum, die Kinder etwa in\nAnthroposophie aufzuziehen &#8211; die Waldorf-schule will keine\nWeltanschauungsschule sein, sondern es handelt sich darum, da\u00df\nanthroposophische Geisteswissenschaft, weil sie unmittelbar untertaucht in die\nWirklichkeit, p\u00e4dagogisch geschickt machen kann, so da\u00df das P\u00e4dagogische als\nsolches von Geisteswissenschaft in einer gewissen Weise als eine\np\u00e4dagogisch-didaktische Kunst geschaffen wird. Und nach dieser Richtung hin hat das erste\nSchuljahr dieser Waldorfschule, ohne da\u00df man damit renommieren will, schon\neiniges gebracht, von dem gesprochen werden darf. Vor allen Dingen haben wir in\nder Waldorfschule das gew\u00f6hnliche Zeugniswesen nicht. Wir haben in mancher\nKlasse eine recht gro\u00dfe Sch\u00fclerzahl schon im vorigen Jahr gehabt, aber trotzdem\nbrauchen wir nicht jene merkw\u00fcrdige Beziehung der Lehrer zu den Sch\u00fclern,\nwelche dadurch entsteht, da\u00df der Lehrer herausfinden will, sagen wir unter\nzwanzig, drei\u00dfig, f\u00fcnfzig Sch\u00fclern, ob nun der eine oder der andere verdient in\ndiesem oder jenem Gegenstand ein \u00abfast gen\u00fcgend\u00bb, \u00abhalb fast befriedigend\u00bb und\ndergleichen. Das alles, was in dieser Weise in ein abstraktes Schematisches\nhineingeht, das konnten wir vermeiden. Daf\u00fcr, ich will dieses eine herausheben,\nkonnten wir am Schl\u00fcsse des vorigen Schuljahres jedem einzelnen Kinde ein\nZeugnis mitgeben, in dem das Kind etwas sehr Merkw\u00fcrdiges fand: einen\nLebensspruch fand es &#8211; einen Lebensspruch, der ganz und gar f\u00fcr die\nseelisch-geistige-physische Organisation des Kindes empfunden war. Auch in denjenigen Klassen, wo an<\/p>\n\n\n\n<p>f\u00fcnfzig Sch\u00fcler oder dar\u00fcber waren, konnten die Lehrer die M\u00f6glichkeit\nfinden, so einzudringen, so unterzutauchen in die Individualit\u00e4ten der Sch\u00fcler,\nda\u00df sie einen Kernspruch des Lebens ganz individuell, f\u00fcr das einzelne Kind\nangemessen in das Zeugnis hineinschreiben konnten. Dieses Zeugnis soll etwas\nsein, was nicht ein totes Papier ist, wo man mit \u00abfast befriedigend\u00bb dies oder\njenes einzelne beurteilt, sondern es soll etwas sein, woran sich das Kind\nerinnert mit einer gewissen Kraft, weil darinnen etwas steht, was, wenn es in\nseiner Seele wirkt, in ihm Leben werden kann. Ich wollte nur diesen einzelnen\nPunkt hervorheben. Ich k\u00f6nnte noch von vielem sprechen, was versucht worden\nist, gerade an praktischer Bet\u00e4tigung aus anthroposophischer\nGeisteswissenschaft im Didaktischen durch diese Waldorfschule zu verwirklichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, ich konnte ja hier auch schon \u00f6fter erw\u00e4hnen, wie anthroposophische\nGeisteswissenschaft in einem bestimmten Zeitpunkte sich gen\u00f6tigt fand, die\nsozialen Folgerungen aus demjenigen zu ziehen, was aus ihrem praktischen Denken\nhervorgeht. Diese sozialen Folgerungen, sie sind zun\u00e4chst gezogen in meinen\n\u00abKernpunkten der Sozialen Frage\u00bb. Sie werden jetzt auch gezogen f\u00fcr praktische\nEinrichtungen. \u00dcber diese praktischen Einrichtungen schimpfen die Leute heute\nviel, weil sie gar keine Ahnung davon haben, wie die scheinbare Praxis, die\naber in einer Welt von Illusionen lebt, gerade in die heutige Krise\nhineingef\u00fchrt hat, und wie eine wirkliche Lebenspraxis aus einer Erneuerung des\nganzen Denkens herausflie\u00dfen mu\u00df. Es k\u00f6nnte einen, wenn es nicht auf der anderen\nSeite betr\u00fcblich w\u00e4re, eigentlich erheitern, wenn heute die Schulmeister der\nPraktik kommen und daran erinnern, da\u00df man mit Idealismus und Zukunftsglauben\nnicht wirtschaften k\u00f6nne. Sie wissen nicht, da\u00df es sich bei diesem Wirtschaften\nwirklich nicht um Idealismus und Zukunftsglauben handelt, sondern um ein\nunmittelbares Eingreifen in die Praxis mit einem Denken, das eben praktischer\nist als dasjenige, das die letzten Jahrzehnte haben hervorbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 296 Die Erziehungsfrage als soziale Frage<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>Seite 34<\/p>\n\n\n\n<p>Den allgemeinen Gottes-Begriff kann man bekommen, wenn man die Natur in\nihren Erscheinungen verfolgt, wenn man das menschliche physische Wesen, so weit\nes \u00e4u\u00dferlich zu betrachten ist, verfolgt. Die Christus-Wesenheit ist so, da\u00df\nman ihr nur nahekommt, wenn man im Lauf des irdischen Lebens etwas&#8217;in sich\nselber entdeckt. Den allgemeinen Gottes-Begriff kann man finden, indem man\neinfach sich sagt, man ist aus den Kr\u00e4ften der Welt zum Dasein gekommen. Den\nChristus-Begriff mu\u00df man finden in sich, indem man weiter kommt, als die Natur\neinen kommen l\u00e4\u00dft. Findet man, wenn man in der Welt lebt, nicht den\nGottes-Begriff, dann ist dieses Nicht-finden des Gottes-Begriffes eine Art von\nKrankheit&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Christus nicht zu erkennen, ist nicht eine Krankheit, sondern ein\nUngl\u00fcck, ist ein Vers\u00e4umnis des Lebens. Dadurch, da\u00df man sich besinnt auf das\nGeborenwerden aus der Natur und ihren Kr\u00e4ften heraus, kann man, wenn man mit\ngesunder Seele dieses Geborenwerden verfolgt, zum Gottes-Begriff kommen.\nDadurch, da\u00df man im Laufe des Lebens etwas erlebt wie eine Wiedergeburt, kann\nman zum Christus-Begriff kommen. Die Geburt f\u00fchrt zu Gott, die Wiedergeburt zu\nChristus. Zu dieser Wiedergeburt, durch welche der Christus als Wesenheit im\nMenschen gefunden werden kann, konnte der Mensch vor dem Mysterium von Golgatha\nnicht kommen. Und das ist der Unterschied, auf den ich Sie bitte Ihr Augenmerk\nzu richten: da\u00df der Mensch vor dem Mysterium von Golgatha, weil der Christus\nnoch nicht ausgeflossen war mit seiner Wesenheit in die Menschheit, nicht zu\ndieser Wiedergeburt kommen konnte, nicht erkennen konnte, da\u00df in ihm der\nChristus lebt. Nach dem Mysterium von Golgatha kann das der Mensch. Er kann den\nFunken des Christus in sich selber finden, wenn er sich anstrengt durch sein\nLeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in dieser Wiedergeburt, in diesem Finden\ndes Christus-Funkens in sich, in diesem aufrichtigen und ehrlichen\nSich-sagen-K\u00f6n-nen: Nicht ich, sondern der Christus in mir, liegt die\nM\u00f6glichkeit, den Intellekt nicht in T\u00e4uschung und in das B\u00f6se verfallen zu\nlassen. Und das ist im esoterisch-christlichen Sinne der h\u00f6here Begriff der\nErl\u00f6sung. Wir m\u00fcssen unsere Intelligenz ausbilden, denn wir k\u00f6nnen ja nicht\nunintelligent werden; aber wir stehen, indem wir anstreben unsere Intelligenz\nauszubilden, vor der Versuchung, dem Irrtum und &#8216; dem B\u00f6sen zu verfallen. Wir k\u00f6nnen der Versuchung, dem Irrtum und dem\nB\u00f6sen zu verfallen, nur entgehen, wenn wir uns aneignen die Empfindung von dem,\nwas das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwickelung hineingebracht\nhat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon so, da\u00df der Mensch in dem\nChristus-Bewu\u00dftsein, in dem Vereinigtsein mit dem Christus findet die\nM\u00f6glichkeit, dem B\u00f6sen, dem Irrtum zu entrinnen. Der \u00e4gyptisch-chald\u00e4ische\nMensch brauchte die Wiedergeburt in Christo nicht, weil er noch die Verwandtschaft\nmit dem Kosmos durch seine naturgem\u00e4\u00dfe Intelligenz f\u00fchlte. Der Grieche hatte im\nGrunde genommen den Ernst des Todes vor sich, wenn er seiner Intelligenz sich\nhingab. Jetzt lebt die Menschheit im Beginne eines Zeitalters, wo die\nIntelligenz b\u00f6se werden w\u00fcrde, wenn die menschliche Seelenwesenheit sich nicht\nmit der Christus-Kraft durchdringen w\u00fcrde. Denken Sie einmal, das ist eine sehr\nernste Sache. Das bezeugt, wie man nehmen mu\u00df gewisse Dinge, die sich in\nunserer Zeit ank\u00fcndigen, wie man daran denken mu\u00df, da\u00df in unserer Zeit die\nMenschen die Anlage bekommen zum B\u00f6sen, gerade weil sie einer h\u00f6heren\nAusbildung ihrer Intelligenz entgegengehen. Es w\u00e4re nat\u00fcrlich eine v\u00f6llig\nfalsche Spekulation, zu glauben, da\u00df man etwa die Intelligenz unterdr\u00fccken\nsoll. Die Intelligenz darf nicht unterdr\u00fcckt werden, aber es geh\u00f6rt f\u00fcr den\nEinsichtigen in der Zukunft ein gewisser Mut dazu, der Intelligenz sich\nhinzugeben, weil die Intelligenz die Versuchung bringt zum B\u00f6sen und zum Irrtum\nund weil wir in der Durchdringung der Intelligenz mit dem Christus-Prinzip\nfinden m\u00fcssen die M\u00f6glichkeit, diese Intelligenz umzuwandeln. Ganz und gar ahrimanisch w\u00fcrde die Intelligenz\nder Menschen, wenn das Christus-Prinzip die Seelen der Menschen nicht\ndurchdr\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wissen ja, wie vieles da ist, in der Entwickelung der Menschheit\nersichtlich ist, besonders in der Gegenwart, von dem, was f\u00fcr den\nEinsichtsvollen schon zeigt, da\u00df die Dinge sich so ank\u00fcndigen, wie ich sie eben\ncharakterisiert habe. Man denke nur, was das dritte von den Entwickelungsgliedern,\ndie durch den Materialismus der Menschheit drohen, \u00fcber die Menschen heute\nschon bringt. Sehen Sie, wenn Sie bedenken, mit wie viel Grausamkeiten die\nheutige Kulturentwickelung durchsetzt ist, die sich kaum vergleichen lassen mit\nden Grausamkeiten barbarischer Zeitalter, dann werden Sie kaum zweifeln k\u00f6nnen,\nda\u00df sich die Morgenr\u00f6te f\u00fcr den Abstieg der Intelligenz deutlich ank\u00fcndigt. Man\nsollte nicht in oberfl\u00e4chlicher Weise die sogenannten Kulturerscheinungen\nunseres Zeitalters betrachten, man sollte wahrhaftig nicht daran zweifeln, da\u00df\ndie Menschen der Gegenwart sich aufraffen m\u00fcssen zu einem wirklichen Erfassen\ndes Christus-Impulses, wenn sie einer heilsamen Entwickelung entgegengehen\nwollen. Es ist zweierlei heute schon stark zu bemerken: Menschen, die sehr\nintelligent sind und die einen deutlichen Hang zum B\u00f6sen haben; und es ist auf\nder anderen Seite zu bemerken, wie viele Menschen unbewu\u00dft diesen Hang zum\nB\u00f6sen dadurch unterdr\u00fccken, nicht bek\u00e4mpfen, da\u00df sie ihre Intelligenz schlafen\nlassen. Schl\u00e4frigkeit der Seele oder aber bei wachen Seelen ein starker Hang\nzum B\u00f6sen und zum Irrtum, das ist in der Gegenwart durchaus zu bemerken.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun erinnern\nSie sich einmal, wie ich vor meiner letzten Abreise an einem Abend hier\nauseinandersetzte, wie anders die Kinder seit f\u00fcnf bis sechs bis sieben, acht\nJahren geboren werden heute, mit einem, man m\u00f6chte sagen, melancholischen\nAnflug \u00fcber den Gesichtern, der deutlich zu bemerken ist f\u00fcr denjenigen, der so\netwas bemerken kann. Und\nich habe gesagt: Das r\u00fchrt davon her, da\u00df die Seelen heute nicht gern\nheruntergehen in die von Materialismus erf\u00fcllte Welt. Man k\u00f6nnte sagen: Die\nSeelen haben vor ihrer Geburt eine gewisse Furcht und Angst, in die Welt\neinzutreten, in der die Intelligenz den Hang, die Neigung zum B\u00f6sen hat und in\nabsteigender Entwickelung begriffen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist auch etwas, wovon ein Bewu\u00dftsein entwickelt werden mu\u00df bei\ndenjenigen Menschen, die f\u00fcr die Menschenzukunft Erzieher und Unterrichter\nwerden. Die Kinder sind heute anders, als sie waren vor Jahrzehnten. Das ergibt\nsich schon einer oberfl\u00e4chlichen Betrachtung sehr deutlich. Man mu\u00df sie anders\nerziehen und anders unterrichten, als man sie vor Jahrzehnten unterrichtet hat.\nMan mu\u00df mit dem Bewu\u00dftsein unterrichten, da\u00df man eigentlich bei jedem Kinde\neine Rettung zu vollziehen hat, da\u00df man jedes Kind dahin bringen mu\u00df, im Lauf\ndes Lebens den Christus-Impuls in sich zu finden, eine Wiedergeburt in sich zu\nfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Dinge, sie lebt man da, wo man sie zum Beispiel n\u00f6tig hat als\nLehrer, als Erzieher, nicht aus, wenn man sie einfach nur theoretisch kennt;\nsie lebt man nur aus, man f\u00fchrt sie nur ein in die Erziehung, in das\nUnterrichten, wenn man in der Seele stark erfa\u00dft ist von diesen Dingen. Von der\nLehrerschaft insbesondere mu\u00df es gefordert werden, da\u00df sie in ihrer Seele stark\nerfa\u00dft wird von diesem Sorgenvollen f\u00fcr die Menschheit, welche Versuchung der\nIntellekt mit sich bringt! Der Stolz, den die gegenw\u00e4rtige Menschheit auf den\nIntellekt entwickelt, dieser Stolz, er k\u00f6nnte sich schwer r\u00e4chen an der\nMenschheit, wenn er nicht durch dasjenige abgel\u00e4hmt w\u00fcrde, was ich eben\nauseinandergesetzt habe, wenn er nicht abgel\u00e4hmt w\u00fcrde durch ein starkes,\nenergisches Bewu\u00dftsein: das Beste in mir als Mensch dieser und der folgenden\nInkarnationen ist, was ich in mir als den Christus-Impuls finde.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun mu\u00df man sich klar sein dar\u00fcber, da\u00df dieser Christus-Impuls nicht\nsein darf die Dogmatik irgendeiner Religionsgemeinschaft. Die\nReligionsgemeinschaften haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in ihrer\nEntwickelung mehr beigetragen, den Christus-Impuls von der Menschheit zu\nentfernen, als ihn der Menschheit nahe zu bringen. Die Religionsgemeinschaften\nmachen den Menschen allerlei vor; aber indem sie ihnen dies oder jenes\nvormachen, bringen sie sie dem Christus-Impuls nicht nahe. Notwendig ist, da\u00df\nder Mensch f\u00fchlt, da\u00df alles dasjenige, was sich ihm er\u00f6ffnen und offenbaren\nkann in seinem Innern nach dem Mysterium von Golgatha hin, zusammenh\u00e4ngt mit\ndem, was f\u00fcr die Erde durch das Mysterium von Golgatha geworden ist. Empfindet\nman den Sinn der Erde in dem Mysterium von Golgatha, kann man sich aufraffen\ndazu, sich zu sagen: Die Entwickelung der Erde w\u00e4re sinnlos, wenn die Menschen\ndurch ihre Intelligenz dem B\u00f6sen, dem Irrtum verfallen w\u00fcrden. Empfindet man so\nden Sinn des Mysteriums von Golgatha, dann empfindet man als sinnlos die\nErdentwickelung ohne das Mysterium von Golgatha.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 298 Rudolf Steiner in der Waldorfschule<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1919-1924<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 64<\/p>\n\n\n\n<p>Nachher bekommt ihr das Zeugnis*; wer ein gutes Zeugnis bekommt, soll es\nnicht etwa als ein Anweisung zum Faulenzen betrachten, und wer ein schlechteres\nZeugnis hat, braucht nicht gleich zu weinen, sondern soll denken: Ich werde\nmich im n\u00e4chsten Jahre noch besser anstrengen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Geist der Waldorfschule sagt ihr euch heute und dr\u00fcckt den\nLehrern die Hand, sagend: Wir wollen uns finden wiederum im Herbst, zu lernen\nT\u00fcchtigkeit zur Arbeit, zu entwickeln die Seele zu starker Lebenskraft und\naufzuwecken den Geist zu rechtem Menschentum.<\/p>\n\n\n\n<p>So auf Wiedersehen!<\/p>\n\n\n\n<p>*Nachher bekommt ihr das Zeugnis: Die Kinder erhielten\nanstelle von Notenzeugnissen am Ende des Schuljahres kurze Charakteristiken\n\u00fcber ihr Verhalten und ihre Arbeitsweise.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>GA 298, Rudolf\nSteiner in der Waldorfschule<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1919-1924<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 85<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei weitere Fragen gingen dahin, ob die Sch\u00fcler in der Waldorfschule\ndas Abitur machen k\u00f6nnen und ob nicht doch Hausarbeiten aufgegeben werden\nk\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Steiner erwiderte darauf:<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben ja durchaus das Prinzip, den Kindern nicht etwa die\nM\u00f6glichkeit zu nehmen, sich in das Leben, wie es heute einmal ist,\nhineinzustellen. Daher ist von mir selbst der Grundsatz aufgestellt worden, und\nder wird ja durchgef\u00fchrt, insbesondere in den wichtigsten Punkten so gut es nur\neben geht: Dasjenige was wir tun m\u00fcssen von p\u00e4dagogischen und didaktischen\nGesichtpunkten aus, das mu\u00df damit vereinigt werden, da\u00df das Kind auch so ins\nLeben hineingef\u00fchrt wird, da\u00df ihm \u00e4u\u00dferlich keine Schwierigkeiten erwachsen.\nDaher ist von mir ausgearbeitet worden eine Art von Lehrverfassung, die diesen\nbeiden Dingen Rechnung tr\u00e4gt. Wir unterrichten ohne R\u00fccksicht darauf, welche\nLehrziele f\u00fcr die einzelnen Klassen in den anderen Schulen zun\u00e4chst f\u00fcr die\nKinder bis zum neunten Lebensjahr, bis zum Absolvieren der dritten Klasse\naufgestellt sind. Nicht wahr, man mu\u00df einen gewissen Spielraum haben, damit man\nin ihm das, was aus einer wirklichen Erkenntnis der Bed\u00fcrfnisse des Kindes\nfolgt, und was eine wirkliche P\u00e4dagogik fordern mu\u00df, erf\u00fcllen kann. Dann, nach\ndiesem Spielraum, kann man dem Rechnung tragen, was nun heute einmal aus\nallerlei Untergr\u00fcnden und Gesetzen heraus gefordert wird. Also im neunten\nLebensjahr wollen wir das Kind soweit haben, da\u00df es in jede andere Schule\n\u00fcbertreten kann. Dann wiederum lassen wir uns Spielraum bis zum zw\u00f6lften Jahr,\ndamit wir f\u00fcr diese Zeit ordentlich P\u00e4dagogik treiben k\u00f6nnen. Im zw\u00f6lften Jahr\nkann also wieder jedes Kind in eine andere Schule \u00fcbertreten. Und so soll es\nauch wiederum sein nach dem f\u00fcnfzehnten Lebensjahr und auch weiterhin bis zum\nAbitur. Wenn wir so gl\u00fccklich sind, immer wieder eine Klasse auf die Schule\naufsetzen zu k\u00f6nnen, und die Kinder bis zu dem Abitur zu bringen, so werden sie\nin dem Alter, wo sie sonst das Abitur machen, so weit sein, da\u00df sie dieses\nExamen werden machen k\u00f6nnen. Es kann ja nat\u00fcrlich sein, da\u00df irgendwo ein\nExaminator sitzt, der sagt: Die jungen Leute aus der Waldorfschule k\u00f6nnen\nselbstverst\u00e4ndlich nichts. &#8211; Man kann jemand immer durchfallen lassen, wenn man\nwill; man kann dem D\u00fcmmsten ein ausgezeichnetes Zeugnis geben und den\nGescheiten durchfallen lassen. F\u00fcr solche F\u00e4lle kann nicht gesorgt werden. Aber\nim Prinzip mu\u00df das statthaben, da\u00df wir dasjenige, was wir besser machen k\u00f6nnen\nals drau\u00dfen, besser machen, trotzdem wir keine Steine dem Kinde in den Weg\nlegen in bezug auf die \u00e4u\u00dferen Lebensforderungen. Es ist dies allerdings doch\nein Surrogat &#8211; besser w\u00e4re es, wenn wir auch Hochschulen einrichten k\u00f6nnten.\nDas kann eben nicht sein, daher m\u00fcssen wir uns auf diesem Gebiete mit einem\nSurrogat begn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sollte nie au\u00dfer acht lassen, was es f\u00fcr\neine wirkliche Erziehungskunst bedeutet, wenn Kinder etwas aufgetragen\nbekommen, was dann nicht zu erzwingen ist. Es ist viel, viel besser, wenn man\nmit Zwangshausaufgaben haush\u00e4lt, so da\u00df man darauf rechnen kann, da\u00df dasjenige,\nwas die Kinder zu tun haben, wirklich auch mit Lust und aus Uberzeugung heraus\ngetan wird, als wenn man fortw\u00e4hrend Aufgaben gibt, und dann Kinder darunter\nsind, die die Aufgaben doch nicht machen. Es ist das allersch\u00e4dlichste in der Erziehung, wenn immerfort Auftr\u00e4ge\nerteilt werden, die nicht ausgef\u00fchrt werden. Das demoralisiert die Kinder in\nfurchtbarer Weise. Und diese feineren Erziehungsgrunds\u00e4tze sollte man besonders\nbeachten. &#8211; Kinder, die arbeiten wollen, die haben gen\u00fcgend zu tun; aber man\nsollte nicht versuchen, nach dieser Richtung irgendeinen Zwang auszu\u00fcben von\nSeiten der Schule. Man sollte sich vielmehr bem\u00fchen, das Kind anzuhalten zum\nfreiwilligen Arbeiten, wenn man durchaus will, da\u00df die Kinder zu Hause\narbeiten. Es wird gen\u00fcgend da sein, was das Kind arbeiten kann. Aber es sollte\nnicht die Tendenz dahingehen, die Grunds\u00e4tze einer wirklich sachgem\u00e4\u00dfen\nErziehungskunst dadurch zu durchkreuzen, da\u00df man doch wieder auf den Zwang\nhinarbeiten m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>GA 298 Rudolf Steiner\nin der Waldorfschule<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1919-1924<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 192<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verkenne nicht, wie schwierig die Bet\u00e4tigung eines solchen\nInteresses ist. Ich wei\u00df gut, wie innerhalb unserer sozialen Verh\u00e4ltnisse die\nMenschen wenig Zeit und Kraft haben, wenn das Kind aus der Schule kommt, so das\nKind zu fragen: Wie war es heute? Was hast du getan? -da\u00df das Kind mit warmem\nEifer gar nicht erwarten kann, da\u00df diese Fragen gestellt werden. Es kommt nicht\ndarauf an, da\u00df die Eltern aus Pflichtgef\u00fchl diese Frage stellen, sondern so,\nda\u00df das Kind gefragt sein will. Genieren wir uns dabei gar nicht, da\u00df etwa das\nKind manches Mal uns etwas sagen k\u00f6nnte, was wir selber vergessen haben, das\nist selbstverst\u00e4ndlich; das wird man gar nicht bemerken, wenn auf beiden Seiten\nder richtige Enthusiasmus vorhanden ist. Und untersch\u00e4tzen Sie nicht, wenn der\nLehrer wissen kann, das, was er tut, gibt dem Elternhause, wenn auch nur f\u00fcr\nkurze Minuten, das regste Interesse, dann wei\u00df er seine Arbeit gut begr\u00fcndet,\ndann arbeitet er aus einer seelischen Atmosph\u00e4re heraus, die anfeuernd,\nerzieherisch und unterrichtend auf das Kind wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch kann gerade am wirksamsten das bek\u00e4mpft werden, was von heute\nhervorragenden P\u00e4dagogen ausgesprochen wird. Wenn diese untereinander sind,\ndann sprechen sie von dem \u00abKrieg zwischen Eltern und Lehrer\u00bb. Dieser Krieg ist\netwas, was so ein geheimes Diskussionsthema bei vielen P\u00e4dagogen bildet. Dieser\nKrieg hat ja zu einem merkw\u00fcrdigen Wort gef\u00fchrt, das schon bekannt ist,\nbesonders j\u00fcngere Lehrer haben es ausgesprochen: Wir m\u00fcssen die Erziehung bei\nden Eltern, insbesondere bei den M\u00fcttern anfangen. &#8211; Wir haben dazu weder den\nEhrgeiz noch gen\u00fcgend utopistischen Sinn. Nicht weil wir glauben, die Eltern\nsind nicht erziehbar, oder wollen nicht erzogen werden, sondern wir w\u00fcnschen,\nda\u00df zwischen Elternschaft und Lehrerschaft ein wirklich inniges\nfreundschaftliches Verh\u00e4ltnis besteht, das auf der Sache begr\u00fcndet ist. Dazu\nkann viel getan werden durch das Interesse der Eltern der Schule gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend gerade die Eltern durch ihr Seelisches auf die leibliche\nBeschaffenheit des Kindes so stark wirken, hat der Lehrer nur die M\u00f6glichkeit,\nseelisch auf Seelisches zu wirken. Da tritt dann an die Stelle jenes\nnachahmenden Wesens, das das Kind bis zum Zahnwechsel den Eltern\nentgegenbringt, das Prinzip der notwendigen, ja selbstverst\u00e4ndlichen Autorit\u00e4t.\nDiese m\u00fcssen wir haben; darin wird der Lehrer ganz besonders unterst\u00fctzt, wenn\nein so charakterisiertes Interesse vorhanden ist. Schon aus der Tatsache, da\u00df\ndie Schule mit einem gewissen feierlichen Ernst genommen wird, flie\u00dft viel von\ndem, was die Eltern zum Tragen dieser autoritativen Kraft beitragen k\u00f6nnen, da\u00df\nder Lehrer die Autorit\u00e4t sein kann, die er sein mu\u00df. Wer in der Waldorfschule\nLehrer wird, ist schon vielfach gesiebt; und man darf schon zu ihm Vertrauen\nhaben. Und wenn man etwas nicht versteht, so r\u00fcmpfe man nicht gleich die Nase,\nsondern man vertraue auf das gro\u00dfe, umfassende Prinzip, an das man selbst\nglaubt, dann wird man den Lehrer unterst\u00fctzen und jede Gelegenheit ben\u00fctzen,\ndie einen innigen Kontakt zwischen Elternschaft und Lehrerschaft herbeif\u00fchren\nkann.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wissen, wir geben nicht solche Zeugnisse mit den \u00fcblichen Noten wie\nan \u00f6ffentlichen Schulen. Wir versuchen, das Kind zu charakterisieren, auf die\nIndividualit\u00e4t einzugehen. Erstens: Sitzt ein Lehrer \u00fcber der Gestaltung der\nZeugnisse und ist sich seiner Verantwortung bewu\u00dft, so tritt ihm R\u00e4tsel \u00fcber\nR\u00e4tsel vor das seelische Auge, und er w\u00e4gt jedes Wort, das er pr\u00e4gen soll. Eine\ngro\u00dfe Erleichterung ist es ihm dabei, wenn er den Eltern gegen\u00fcbergestanden\nhat, nicht wegen der Vererbungsverh\u00e4ltnisse, um die sich heute allein der\nMaterialismus k\u00fcmmert, sondern er sieht die Umgebung, und alles erscheint dann\nerst im rechten Lichte. Dabei hat man nicht n\u00f6tig, in indiskreter Weise die\nEltern selbst zu beurteilen, sondern er will eben in freundschaftlicher Weise\nsich den Eltern gegen\u00fcberstellen. Wie ich einen Brief an Bekannte und\nUnbekannte anders schreibe, so auch die Zeugnisse \u00fcber Sch\u00fcler mit bekannten\nund unbekannten Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens sollte der Lehrer eigentlich sicher sein, da\u00df ein liebevolles\nInteresse im Elternhause ruhen w\u00fcrde auf solchen Zeugnissen, und ich glaube,\nwenn die Eltern fertig br\u00e4chten, eine kleine Antwort zu schreiben auf das, was\nder Lehrer im Zeugnis beschrieben hat, da\u00df das ungeheuer helfen w\u00fcrde. Wird das\nals Regel eingef\u00fchrt, so hat es keine Bedeutung; wird es Bed\u00fcrfnis von den\nEltern aus, so ist es p\u00e4dagogisch ungeheuer wichtig. Solche Schriftst\u00fccke\nwerden gewi\u00df mit au\u00dferordentlicher Aufmerksamkeit in unserer Waldorfschule\ngelesen werden; sie w\u00e4ren uns viel wichtiger, selbst wenn sie mit noch so\nvielen Fehlern geschrieben w\u00e4ren, als manche heute anerkannte Kulturschilderung\nder Gegenwart. Man w\u00fcrde dabei tief in das hineinschauen, was man braucht, wenn\nman nicht Lehrer ist aus abstrakten Ideen, sondern aus dem Zeitimpuls heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie m\u00fcssen nicht vergessen: Der Waldorfschullehrer erzieht aus einer\nMenschenkenntnis heraus, die nicht auf dem heute \u00fcblichen Wege zustande kommt.\nAber aus dem, was in hingebungsvoller Weise Eltern dem Lehrer mitteilen\nk\u00f6nnten, w\u00fcrde starke Menschenerkenntnis flie\u00dfen, und ich \u00fcbertreibe gar nicht,\nwenn ich sage, fast noch wichtiger als f\u00fcr das Kind das Zeugnis w\u00e4re f\u00fcr den\nLehrer das Gegenzeugnis. Aber auch hierbei lege ich nicht den gr\u00f6\u00dften Wert auf\ndie einzelne Ma\u00dfregel, die ich gerade nehme, sondern auf das Erhalten des regen\nInteresses f\u00fcr alles, was in der Schule vor sich geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so meine ich, da\u00df sich von selbst f\u00fcr die Zeit, die zugebracht wird\nvom Kind in den Ferien, das Richtige ergeben wird, wenn das Schuljahr in der\nWeise verl\u00e4uft, wie ich andeutete. Wir werden ja sehr gut tun, wenn wir die\nFerien Ferien sein lassen, nicht das Kind anhalten, irgend etwas Schulm\u00e4\u00dfiges\nzu treiben; aber wenn diejenige Gesinnung sich auslebt, die ich w\u00fcnschte, so\nwird das in der richtigen Weise Frohsinn, Freude und Erfrischung der Gesundheit\nf\u00fcr das Kind bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Worauf es uns aber besonders ankommt, das ist eine in solche Gesinnung\neingetauchte Atmosph\u00e4re, da\u00df Sie die Erkenntnis haben: Der Waldorfschullehrer\nk\u00fcmmert sich um das ganze Kind, vor allem auch um die Gesundheit. Und was wir\nuns besonders angelegen sein lassen, das ist, da\u00df wir im Inneren unserer Seele\nunterrichtet sind auch \u00fcber die feineren Gesundheitszust\u00e4nde der Kinder, die\nuns anvertraut sind. Eine p\u00e4dagogische Kunst ist nicht vollst\u00e4ndig, wenn sie\nnicht bis zu diesem Interesse am Kinde geht. Aber gerade \u00fcber dieses Gebiet\nwird die n\u00f6tige Arbeit nur m\u00f6glich sein, wenn Eltern und Schule entsprechend\nzusam\u00admenwirken. Da m\u00f6chte man schon, da\u00df ein aus innerem Bed\u00fcrfnis stammendes\nVerst\u00e4ndnis der Schule entgegenkomme, da\u00df auch mancher Wink \u00fcber das leibliche\nWohl, \u00fcber Di\u00e4t und so weiter, von den Eltern bei unserer Waldorfschule gesucht\nwerde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 300a Konferenzen mit den Lehrern der Freien\nWaldorfschule<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>Seite 48<\/p>\n\n\n\n<p>3. Ein \u00e4hnlicher Proze\u00df des langsamen Wachsens\neiner Form zu innerer Realit\u00e4t hin ist bei der Frage der Zeugnisgebung und der\nVersetzung zu beobachten. Im Seminarkurs am 6. September 1919 (S. 183) ist noch\nvon mehreren Zeugnissen die Rede, die im Laufe des Jahres zu geben seien, \u201eals\nvon der Au\u00dfenwelt Gefordertes&#8221;;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00e4hnlich auch noch in der Konferenz am 23. Dezember 1919 (1\/116). Aber am\n14. Juni 1920 (1\/147) wird wie selbstverst\u00e4ndlich von nur einem Jahreszeugnis\ngesprochen. Der Kopf der Zeugnisse wurde sp\u00e4ter von ihm so angegeben:<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Zeugnis<\/p>\n\n\n\n<p>wird_______________________________________________<\/p>\n\n\n\n<p>geboren am_______________in_________________________<\/p>\n\n\n\n<p>f\u00fcr die Klasse_____________im Schuljahr\n19__\/19__ gegeben<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Art, wie diese Zeugnisse innerlich zu gestalten seien, sollten\nRudolf Steiners mehrfache \u00c4u\u00dferungen (vgl. Sachwortverzeichnis) nachgelesen\nwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>4. Der \u00dcbergang\nin die n\u00e4chsth\u00f6here Klasse wird von der \u00fcblichen Versetzung oder\nNichtversetzung hin\u00fcbergef\u00fchrt zu dem Mitheraufnehmen m\u00f6glichst s\u00e4mtlicher\nSch\u00fcler mit dem Jahrgang, der ihrem Alter entspricht. In den beiden ersten Schuljahren wird noch bei\nallen besonders schwierigen Kindern einzeln besprochen, ob man sie\n\u201eversetzen&#8221;, das hei\u00dft, weiter mitgehen lassen kann (1\/168\u2014171, 281\u2014283). Im dritten Schuljahr ist eine solche\nBesprechung schon unn\u00f6tig geworden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 300c Konferenzen mit den Lehrern der Freien\nWaldorfschule<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1919 -1924<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 169 <\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeugnisse m\u00fcssen mit mehr Liebe verfa\u00dft werden. Sie sind nicht mit\nLiebe verfa\u00dft. Auf die Sch\u00fclerindividualit\u00e4t mu\u00df man mit mehr Liebe hinsehen.\nSelbst \u00e4u\u00dferlich ist dieses Zeugnis schlampig. So etwas schaut schlecht aus.\nEin Zeugnis sollte \u00fcbersichtlich und sauber aussehen. Es wird Kinder geben, wo\nman veranla\u00dft ist, \u00fcber die innere Entwickelung zu schreiben. Wenn unsere\nEinrichtungen so versagen, w\u00e4re es besser, wir machen nichts Riskantes. Ich\nfurchte, es wird noch schlimmer werden, weil doch die Sorgfalt f\u00fcr eine solche\nIndividualit\u00e4t nicht da ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage, ob das Kind L. K. aus der 3. Klasse in die Hilfsklasse soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Steiner: Die Mutter ist schrecklich, war\nschon als junges M\u00e4dchen pathologisch. Das Kind ist nicht geeignet f\u00fcr die\nHilfsklasse, wo wir nur Kinder mit einem intellektuellen oder Gem\u00fctsdefekt\nhinbringen sollten. Die K. ist blo\u00df schlimm. Man w\u00fcrde sie blo\u00df bestrafen. In\ndie Hilfsklasse pa\u00dft sie nicht hinein. Nicht alle in die Hilfsklasse\nhineinstecken.<\/p>\n\n\n\n<p>X.: Ist der K. E. in der 4. Klasse wohl als normal anzusehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Steiner: Was ist normal? Eine Grenze ist ja gar nicht zu ziehen. Der\nK. E. ist nicht abnorm. Unter solchen Umst\u00e4nden kann man ein Kind in die fr\u00fchere\nKlasse geben.<\/p>\n\n\n\n<p>X. fragt wegen des R. A. in der 5. Klasse, der gestohlen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Steiner: Vier Jahre lang hat er nicht gestohlen. Jetzt f\u00e4ngt er an\nzu stehlen. Wir haben die Aufgabe, ihn zu einem ordentlichen Menschen zu\nmachen. Es mu\u00df doch etwas sein, da\u00df der Kontakt zwischen Lehrerschaft und\nKindern nicht vorhanden ist. Wenn die Kinder v\u00f6lliges Vertrauen haben, ist es\neigentlich gar nicht m\u00f6glich, da\u00df solche moralischen Defekte vorkommen. Den\nsollten Sie gerade in der Klasse behalten. Er ist kein Kleptomane. Er hat keine\nMitwisser gehabt. Auf die Psychologie der Kinder mu\u00df man eingehen. Es kann ein\nBravourst\u00fcck vorkommen. Es k\u00f6nnte so eine geheime, verschmitzte\nNichtsnutzigkeit gewesen sein. Ich habe ihm geh\u00f6rig\nmeine Meinung gesagt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 301 Die Erneuerung der\np\u00e4dagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1920<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 122<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen uns ja vor allen Dingen dessen bewu\u00dft sein, da\u00df die\neigentliche unterscheidende Urteilskraft, dasjenige, was den Menschen bef\u00e4higt\nzu urteilen, seIbst\u00e4ndig zu urteilen, da\u00df das im Grunde genommen erst mit der\nGeschlechtreife voll auftritt, und da\u00df es sich vorbereitet langsam von dem 12.\nLebensjahre an. So da\u00df wir sagen k\u00f6nnen: bis zum 9. Jahre entwickelt sich ja\nschon der Hang der menschlichen Natur unter Autorit\u00e4t sich zu entwickeln; aber\nes wirkt noch nach bis in dieses 9. Jahr herein das, was man den\nNachahmungstrieb nennen kann. Dann verschwindet dieser Nachahmungstrieb, der\nHang zur Autorit\u00e4t bleibt. Dann beginnt aber im 12. Lebensjahr ungef\u00e4hr, noch\nunter der Leitung der Autorit\u00e4t, die noch weiter wirkt, der entscheidende\nTrieb, Urteile, selbst\u00e4ndige Urteile zu entwickeln. Bauen wir zu sehr auf das\nselbst\u00e4ndige Urteil schon vor dem 12. Jahre, dann ruinieren wir eigentlich die\nseelisch-leiblichen Kr\u00e4fte des Kindes, dann ert\u00f6ten wir vor allen Dingen das\nganze menschliche Miterleben mit einem Urteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ein Mensch, der nicht ganz ausgetrocknet ist, f\u00fcr den ist es ja\nnicht gleichg\u00fcltig, urteilend zu irgend etwas ja oder nein zu sagen. Je nachdem\nwir zu diesem oder jenem ja oder nein sagen m\u00fcssen, empfinden wir Lust und\nLeid, Freude und Schmerz. Aber allerdings, so sehr es auch die Menschen im\nFelde des Egoismus empfinden, was sie zu beurteilen haben als lustvoll und als\nleidvoll, so wenig sind die Menschen heute dazu erzogen, das Ganze des Lebens\nund der Welt lustvoll und leidvoll zu empfinden. Aber dadurch geht einem als\nMensch viel verloren. Und au\u00dferdem beeinflu\u00dft dieses Nichterlebenk\u00f6nnen der\nWelt auch das ganze soziale Wollen. Daher ist wirklich nicht blo\u00df auf die\nHeranbildung richtiger Begriffe im Lehrstoff besonderer Wert zu legen, sondern\nauch auf die Heranbildung einer richtigen Weltempfindung, eines richtigen\nSichhineinstellens in die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute beherrscht die Menschheit ja fast einzig und allein ein Urteil in\nsozialer Beziehung. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>GA 301 Die Erneuerung der p\u00e4dagogisch-didaktischen\nKunst durch Geisteswissenschaft<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1920<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 168<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir uns noch einmal die drei wichtigen\nAbschnitte des Volksschullebens vor Augen f\u00fchren, so sind es diese: vom\nEintritt in die Volksschule vom 6., 7. Lebensjahr bis zum 9.; vom 9. bis\nungef\u00e4hr 12. Jahre; und dann vom 12. bis ungef\u00e4hr zu der Geschlechtsreife. Nun\nliegt die Sache so, da\u00df dasjenige, was man menschliches Urteilsverm\u00f6gen nennen\nk\u00f6nnte, selbst\u00e4ndige Urteilsf\u00e4higkeit, eigentlich erst mit , der vollen\nGeschlechtsreife im Menschen auftritt. Eine Art von Vorbereitung findet allerdings in der menschlichen Natur\nauf diese Urteilsf\u00e4higkeit hin eben vom 12. Lebensjahre ab ungef\u00e4hr statt.\nDeshalb ist dies vom 12. Lebensjahre ab eine Art von drittem Abschnitt der\nVolksschulzeit, weil ja gewisserma\u00dfen schon hereinleuchtet dasjenige, was dann\ndie Hauptsache in der menschlichen Wesenheit nach erlangter Geschlechtsreife\nist, die selbst\u00e4ndige Urteilsf\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann man ja\n\u2014 wie ich schon einmal bemerkte &#8211; dasjenige, was Geisteswissenschaft vertreten\nmu\u00df \u00fcber gewisse Glieder der menschlichen Wesenheit, anfechtbar finden. Man kann sagen: Wozu unterscheiden\nzwischen physischem Leib, \u00c4therleib, astralischem Leib und so weiter. Gewi\u00df,\nwenn man blo\u00df ein theoretisches Interesse an diesen Dingen hat, so wird dieses\nInteresse h\u00f6chstens einmal einem Sensationsbed\u00fcrfnis dienen k\u00f6nnen; aber man\nwird doch nicht sehr weit gehen k\u00f6nnen mit einem solchen Interesse. Anders ist\nes, wenn die Lebenspraxis ein solches Interesse herausfordert. Und das ist ganz\ngewi\u00df der Fall in bezug auf die p\u00e4dagogische Kunst. Denn jedesmal, wenn ein\nsolcher Lebensabschnitt im menschlichen Gesamtleben auftritt, wird eigentlich\naus der menschlichen Natur heraus richtig etwas geboren. Ich mu\u00dfte ja darauf\naufmerksam machen, wie dieselben Kr\u00e4fte, die mit dem 7. Jahre, also mit der Volksschulzeit auftreten\nals Erinnerungskr\u00e4fte, Gedankenkr\u00e4fte und so weiter, gearbeitet haben am\nmenschlichen Organismus bis zum 7. Jahre, so da\u00df der st\u00e4rkste Ausdruck dieses\nArbeitens das Erscheinen der zweiten Z\u00e4hne ist. Gewisserma\u00dfen im Organismus\narbeiten die Kr\u00e4fte, um die es sich sp\u00e4ter handelt in der Volksschulzeit, als\nVorstellungskr\u00e4fte; im Organismus wirken sie in der menschlichen Natur\nverborgen; dann werden sie befreit, werden selbst\u00e4ndig, und diese Kr\u00e4fte, die\nda selbst\u00e4ndig werden, die nennen wir die Kr\u00e4fte des \u00c4therleibes. Wiederum mit\nder Geschlechtsreife werden andere Kr\u00e4fte selbst\u00e4ndig, die uns in die Au\u00dfenwelt\nin der mannigfaltigsten Weise einf\u00fchren. Aber in dem System dieser Kr\u00e4fte ist\nzugleich enthalten das menschliche selbst\u00e4ndige Urteilsverm\u00f6gen. So da\u00df wir\nsagen k\u00f6nnen: der eigentliche Tr\u00e4ger des menschlichen Urteilsverm\u00f6gens,\ndasjenige im Menschen, was die Kr\u00e4fte enth\u00e4lt, die ein Urteil hervorbringen,\ndas wird im Menschen im Grunde genommen erst mit der Geschlechtsreife geboren\nund bereitet sich langsam zur Geburt vor vom 12. Jahre ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man dies wei\u00df und richtig w\u00fcrdigen kann, dann ist man sich auch\nbewu\u00dft, welche Verantwortung man \u00fcbernimmt, wenn man den Menschen zu fr\u00fch an\nselbst\u00e4ndiges Urteil gew\u00f6hnt. Ja, in dieser Beziehung herrschen ja insbesondere\nin der Gegenwart die allerverderblichsten Vorurteile: man m\u00f6chte so fr\u00fch wie\nm\u00f6glich den Menschen an selbst\u00e4ndige Urteile gew\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben\ngesagt: der Mensch ist so zu halten bis zur Geschlechtsreife reife, da\u00df er\nunter dem Einflu\u00df der Autorit\u00e4t steht, da\u00df er anerkennt irgend etwas deshalb,\nweil es die selbstverst\u00e4ndlich neben ihm wirkende Autorit\u00e4t eben gebietet, eben\nso will. Wenn wir das Kind gew\u00f6hnen, in der richtigen Weise zu uns als Lehrer,\nals Erzieher zu stehen und hinzunehmen die Wahrheit, weil wir sie als Autorit\u00e4t\nvertreten, gerade dann bereiten wir das Kind in der richtigen Weise vor, sp\u00e4ter\nim Leben ein freies, ein selbst\u00e4ndiges Urteil haben zu k\u00f6nnen. Wollen wir nicht als\nselbstverst\u00e4ndliche Autorit\u00e4t neben dem Kinde stehen, wollen wir gewisserma\u00dfen\nverschwinden, und fordern alles der kindlichen Natur ab, dann bearbeiten wir\ndieses Kind so, da\u00df wir seine Urteilsf\u00e4higkeit zu fr\u00fch herausfordern, ehe das,\nwas wir also astra-lischen Leib nennen, mit der Geschlechtsreife erst\nselbst\u00e4ndig frei erscheint; wir bearbeiten das, was wir so astralischen Leib\nnennen, indem es noch in der physischen Natur des Kindes drinnen wirkt. Dadurch\npr\u00e4gen wir dem Kinde, wenn ich mich jetzt so ausdr\u00fccken darf, in sein Fleisch\nein dasjenige, was wir ihm nur einpr\u00e4gen sollten in seine Seele. Dadurch aber\nbereiten wir in dem Kinde etwas vor, was sein ganzes Leben als ein Sch\u00e4dling in\nihm leben wird. Denn es ist etwas ganz anderes, ob wir zum freien Urteil,\nnachdem wir gut vorbereitet sind, im 14., 15. Jahre heranreifen, wo der astralische Leib, der der Tr\u00e4ger des Urteils\nsein kann, frei geworden ist, oder ob wir fr\u00fcher herangezogen werden zum\nsogenannten selbst\u00e4ndigen Urteil. Im letzten Fall wird nicht unser\nAstralisches, das hei\u00dft unser Seelisches, herangezogen zum selbst\u00e4ndigen\nUrteil, sondern da wird unser Leib herangezogen. Unser Leib aber wird\nherangezogen mit allen seinen naturgem\u00e4\u00dfen Eigenschaften, mit seinem\nTemperamente, mit seiner Blutbeschaffenheit, mit alledem, was in ihm Sympathie\nund Antipathie hervorruft, mit alledem, was ihm&nbsp;\nkeine Objektivit\u00e4t gibt. Mit anderen Worten, wenn das Kind zwischen dem\n7. und 14. Jahre schon selbst\u00e4ndig urteilen soll, so urteilt es aus demjenigen\nTeil der Menschennatur heraus, der sp\u00e4ter niemals wiederum abgestreift werden\nkann, wenn wir nicht daf\u00fcr sorgen, da\u00df er selber in naturgem\u00e4\u00dfer Weise in der\nVolksschulzeit versorgt wird, n\u00e4mlich durch Autorit\u00e4t. Lassen wir zu fr\u00fch\nurteilen, so urteilt der Leib das ganze Leben hindurch. Dann bleiben wir ein\nschwankender Mensch in unserem Urteil, der abh\u00e4ngig ist von seinem Temperament,\nvon allem m\u00f6glichen in seinem Leibe. Werden wir so vorbereitet, wie es der\nNatur unseres Leibes entspricht, wie der Leib es fordert durch seine eigene\nNatur, werden wir zur rechten Zeit in Anlehnung an die Autorit\u00e4t erzogen, dann\nwird in der richtigen Weise frei dasjenige, was urteilen soll in uns, dann\nwerden wir sp\u00e4ter auch im Leben ein objektives Urteil gewinnen k\u00f6nnen. So ist\ndie beste Vorbereitung zur selbst\u00e4ndigen, freien menschlichen Pers\u00f6nlichkeit\ndie, wenn wir das Kind nicht zu fr\u00fch zu dieser freien Pers\u00f6nlichkeit bringen,\nsondern im rechten Lebensalter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eines von den Dingen, die viel verderben k\u00f6nnen, wenn sie nicht\nin der rechten Weise gerade in der p\u00e4dagogischen Kunst angewendet werden. In\nunserer Zeit ist es nun eigentlich recht schwierig, auf dieses alles intensiv\ngenug aufmerksam zu machen. Sie werden finden, wenn Sie \u00fcber diesen Gegenstand,\nwie ich selbst hier spreche, zur heutigen Au\u00dfenwelt sprechen, zu denjenigen,\ndie ganz und gar unvorbereitet sind und auch keinen guten Willen mitbringen,\nda\u00df Sie heute sehr, sehr werden vor tauben Ohren predigen. Wir leben eben\neinmal vielmehr, als wir es denken, im Zeitalter des Materialismus, Und dieses\nZeitalter des Materialismus, es sollte eigentlich genau gekannt sein gerade von\nden P\u00e4dagogen. Der P\u00e4dagoge sollte sich genau bewu\u00dft sein, wie viel\nMaterialismus in unserer ganzen Zeitkultur, namentlich aber in unserer\nZeitgesinnung, sch\u00e4umt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 303 Die gesunde Entwicklung des\nMenschenwesens. Eine Einf\u00fchrung in die anthroposophische P\u00e4dagogik und Didaktik<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1921-1922<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 16<\/p>\n\n\n\n<p>Wer heute wirklich mit unbefangenem Blicke zu beobachten vermag, was in\nden weitesten Kreisen der Menschheit an massgebenden Lebensimpulsen vorhanden\nist, der wird finden, dass \u00fcberall eine Nuance naturwissenschaftlichen Denkens\ndarinnen ist; und in diesem naturwissenschaftlichen Denken lebt doch wiederum\nder Intellektualismus. Man meint, dass man in Beziehung auf moralische\nVorstellungen und Impulse, in bezug auf religi\u00f6se Ideen und Gef\u00fchle unabh\u00e4ngig\nsein k\u00f6nne von dem, was man naturwissenschaftlich denkt und empfindet. Man w\u00fcrd\naber sehr bald sehen, dass man, indem man sich in der Gegenwart einfach dem\n\u00fcberl\u00e4sst, was durch alle Zeitungen und popul\u00e4ren Werke von der\nBildungsschichte in die breite Menschheit str\u00f6mt, dass man mit alledem sich\ndoch Vorstellungen hingibt, welche so gestimmt sind, dass der Ton einer\nnaturwissenschaftlich gestimmten Saite immer hineinklingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer nicht durchgreifend versteht, dass sich der heutige Mensch mit\nnaturwissenschaftlichen Vorstellungen des Morgens zum Fr\u00fchst\u00fccks-tisch hinsetzt\nund des Abends mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen zu Bette geht, dass er\nseine Gesch\u00e4fte mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen verrichtet, dass er\nseine Kinder mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen erzieht, der versteht\ndas Leben nicht, denn er glaubt, dass er ganz unabh\u00e4ngig vom\nnaturwissenschaftlichen Denken dastehe im Leben. Es ist aber nicht der Fall.\nWir gehen sogar in die Kirche mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen, und\nwenn uns die \u00e4ltesten, konservativsten Ansichten von der Kanzel herab verk\u00fcndet\nwerden, \u2014 wir h\u00f6ren sie an mit einem Ohr, das naturwissenschaftlich gestimmt\nist. Die Naturwissenschaft aber lebt vom Intellektualismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar betont sie bei jeder Gelegenheit, dass sie alles auf Beobachtung,\nauf das Experiment, und die \u00e4ussere Erfahrung aufbaue. Aber das seelische\nInstrument, dessen man sich bedient, indem man das Teleskop nach den Sternen\nlenkt, das Instrument, dessen man sich bedient, wenn man im Laboratorium\nVersuche macht \u00fcber Chemie, \u00fcber Physik, das ist ein Instrument, das eben das\nintellektualistische der menschlichen Seele ist. Und dasjenige, was der Mensch\naus der Natur macht, macht er durch seinen Intellekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun liegt die Sache so, dass die Menschheit des gebildeten Abendlandes\ngerade in der neuesten Zeit ganz besonders entz\u00fcckt geworden ist von all den\nErgebnissen, die f\u00fcr die allgemeine Zivilisation durch den Intellektualismus\nheraufgekommen sind. Man hat gelernt, nunmehr so zu denken: fr\u00fchere Epochen der\nMenschheit waren mehr oder weniger unintelligent. Sie ergaben sich kindlichen\nVorstellungen \u00fcber die Welt. Jetzt sind wir vorgeschritten zu einer\nintelligenten Auffassung der Welt. \u2014 Und man ist dazu gelangt, diese\nintelligente Auffassung der Welt als das anzusehen, was allein einen festen\nBoden hat. Man ist, in die Furcht verfallen, dass man ins Phantastische\nhineinkommt, wenn man den Boden des Intellektualismus verl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Derjenige, der im Geist der gegenw\u00e4rtigen Zeit denkt, der der Geist\nnamentlich auch der letzten Jahrhunderte war, der sagt sich: zu einer\nwirklichen Erfassung des Lebens komme ich nur, wenn ich mich an das\nIntellektuelle halte; sonst laufe ich Gefahr, mich phantastischen Ideen \u00fcber\ndie Natur und \u00fcber das Leben hinzugeben. Das ist auf der einen Seite als eine\nfeste Idee heraufgekommen in der neuesten Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun liegt etwas sehr Bemerkenswertes vor. Dasjenige, was man auf der\neinen Seite als das Wertvollste anschaut, als das Bedeutsamste f\u00fcr die ganze\nneuere Zivilisation, es ist auf der anderen Seite gerade in der unmittelbaren\nGegenwart zu einer Frage geworden, und am meisten zu einer Frage derjenigen,\ndie es mit der Erziehung und mit der Unterrichtskunst der Menschen ernst\nmeinen. Man hat auf der einen Seite hinzuschauen, wie die Menschheit gross\ngeworden ist durch den Intellektualismus, und man sieht andererseits heute die\nErziehungs-, die Unterrichtsergebnisse des Intellektualismus und erkl\u00e4rt: wenn\nman die Kinder nur intellektualistisch erzieht, verk\u00fcmmern ihre F\u00e4higkeiten,\nverk\u00fcmmern ihre menschlichen Kr\u00e4fte. Und man sehnt sich darnach, gerade in\nErziehungs- und Unterrichtskunst etwas anderes an die Stelle des\nIntellektualismus zu setzen. Man appelliert an das Gem\u00fct, an den Instinkt, man\nappelliert an die Moralimpulse, an die religi\u00f6sen Impulse des Kindes. Man will\netwas haben, was abliegt vom Intellekt. Aber was brauchte man, um das zu\nfinden, was man da haben will? Man brauchte eben eine durchgreifende\nMenschenerkenntnis, die wiederum nur die Konsequenz einer durchgreifenden\nWelterkenntnis sein kann. Wie die gegenw\u00e4rtige Welterkenntnis \u00fcber die\nErziehung denkt, das kann man eben, wie ich eingangs bemerkte, bei einer\nrepr\u00e4sentativen Pers\u00f6nlichkeit ganz besonders ersehen. Und eine solche\nrepr\u00e4sentative Pers\u00f6nlichkeit scheint, wenn man alles erw\u00e4gt, was dabei in\nBetracht kommt, Herbert Spencer zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>GA 303 Die gesunde\nEntwicklung des Menschenwesens. Eine Einf\u00fchrung in die anthroposophische\nP\u00e4dagogik und Didaktik<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seite 24<\/p>\n\n\n\n<p>Herbert Spencer sagt daher: wir m\u00fcssen uns zu Missionaren der kausalen\nNaturvorg\u00e4nge machen, wenn wir Kinder in der richtigen Weise erziehen wollen.\nWir m\u00fcssen zum Beispiel, wenn wir einen Knaben sehen, der neugierig ist, wie\nkleine Papierschnitzelchen an einer Flamme brennen, wir m\u00fcssen uns dann sagen:\ndieser Knabe ist wissbegierig, und m\u00fcssen versuchen, ihn m\u00f6glichst gelinde dazu\nzu selbst besch\u00e4digt, oder uns vielleicht das ganze Zimmer anz\u00fcndet, son\u00addern\nwir m\u00fcssen uns zun\u00e4chst klar dar\u00fcber werden, dass er wiss\u00adbegierig ist, und\nm\u00fcssen versuchen, ihn m\u00f6glichst gelinde dazu zu bringen, dass er sich einmal\nverbrennt; dann wird er in dem, was er erlebt, den richtigen Kausalzusammenhang\nhaben. So sollen wir \u00fcberall sorgen, dass der richtige Kausalzusammenhang\neintritt, und uns zu Missionaren des Kausalzusammenhanges in der Natur machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man wird heute \u00fcberall h\u00f6ren, gerade wo man reformieren will, dass diese\nMaxime die einzig m\u00f6gliche ist. Und derjenige, der unbefangen ist, wird sagen:\nja, sie ist die einzig-M\u00f6gliche, wenn unsere\nintellektualistisch-naturwissenschaftliche Grundempfindung die einzig richtige\nist. Es gibt gar keine andere M\u00f6glichkeit, als so zu denken \u00fcber das Erziehen\nund Unterrichten, wenn die naturwissenschaftlich-intellektualistische Richtung\ndas Wahre ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wozu kommt man dann mit aller Erziehungs- und Unterrichtskunst,\nwenn man bis ins Extrem hin so vorgeht, wenn man ganz wahr wird in diesem Erziehen\nund Unterrichten? Man spannt ja den Menschen ganz und gar ein mit all seinem\nEmpfinden, mit all seinem Denken in dasjenige, was im Laufe der Natur sich\nvollzieht. Und, was er denkt und empfindet, das ist gewissermassen nichts\nweiter mehr als dasjenige, was in der Natur geschieht, was ganz von selbst\ngeschieht, was geschieht, wenn der Mensch eben m\u00f6glichst unbewusst an der Natur\nsich nur beteiligt. Der Mensch wird dadurch in die \u00e4ussere Natur ganz\neingespannt. Er wird nicht herausgehoben aus der \u00e4usseren Natur.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wird gewissermassen zu einem Gliede in der Kette der\nNaturnotwendigkeiten gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sehen Sie das Umgekehrte von dem, was ich vorhin zu erw\u00e4hnen hatte.\nIch habe vorhin gesagt: der Mensch wird durch die moderne Natur-Philosophie aus\nder Welt herausgeworfen. Man kennt ihn nur noch als das letzte Glied der\nNaturentwicklung, aber nicht mehr als Menschen. Er wird herausgeworfen, weil\nman nichts \u00fcber ihn weiss; weil man nichts \u00fcber ihn selber aussagen kann,\nstellt man ihn wiederum hinein in die Natur. Und er soll auch praktisch nicht\naus der Natur herausgehoben werden, er soll in die Naturordnung, in die\nNaturnotwendigkeit hineingef\u00fcgt werden. Er soll ganz und gar zu einem solchen\nWesen werden, welches den Kausalzusammenhang verwirklicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anschauung, die Gedanken \u00fcber die Natur werfen den Menschen heraus.\nDie Erziehungs- und Unterrichtskunst stellt den Menschen in das\nAussermenschliche hinein. Man verliert ganz und gar den Menschen. Man macht\nsich das nur nicht klar, weil man nicht den Mut dazu hat. Aber wir sind heute\nan einem Weltenwendepunkte, wo man den Mut dazu haben muss, bis in diese\nUrimpulse der Menschheitsentwicklung hineinzuschauen, denn der Mensch muss\ndasjenige, was er vorstellt, zuletzt auch empfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist das ja heute eine Tatsache, dass uns Menschen entgegentreten,\nwelche mit gl\u00e4ubigem Gem\u00fcte auf dasjenige hinschauen, was\nnaturwissenschaftliche Voraussetzung ist, und sich sagen: man darf eben einfach\n\u00fcber die Welt keine anderen Vorstellungen haben als diese: Erdenanfang = durch\nAero-Mechanik zu begreifender Nebel; Erdenende = W\u00e4rmetod, Friedhof. In der\nMitte: der Mensch, der zu seiner eigenen Illusion herausw\u00e4chst aus dem\nAussermenschlichen, in dem aufsteigen, um ihn zu betr\u00fcgen, die Illusionen von\nmoralischen Ideen, von religi\u00f6sen Impulsen, von allerlei sonstigen Idealen, und\nder sich zuletzt um all dieses betrogen sieht, weil alles das doch auslaufen\nmuss in den allgemeinen Friedhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine tragische Stimmung kommt dann \u00fcber solche Menschen. Sie sind aber\nnur diejenigen, die das in besonders drastischer Weise ausleben m\u00fcssen, was\neigentlich im Unterbewussten im gr\u00f6ssten Teil der heutigen Menschheit\nabgelagert ist. Und aus dieser Stimmung heraus erw\u00e4chst dasjenige, was wir\nheute in der allgemeinen Zivilisation sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Stimmung k\u00f6nnen wir nicht erziehen, denn diese Stimmung\nermangelt einer Welterkenntnis, die so stark in sich ist, dass sie zur\nMenschenerkenntnis vorschreiten kann, zu einer solchen Menschen-erkenntnis, in\nder der Mensch seinen Wert und sein Wesen findet, so wie er es empfinden muss,\nwenn er sich wirklich in der Welt als Mensch wissen soll. Wir k\u00f6nnen heute den\nMenschen nach Naturnotwendigkeit erziehen. Wir k\u00f6nnen ihn aber dann nicht zum\nfreien, zum wirklich freien Menschen machen. Wenn wir ihn zum wirklich freien\nMenschen heranwachsen sehen, so geschieht das im Grunde genommen, trotzdem wir\nihn falsch ausbilden, nicht weil wir ihn richtig ausbilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann heute nicht \u00fcber die Welt nur denken. Man muss heute so \u00fcber\ndie Welt denken, dass das Denken allm\u00e4hlich in eine allgemeine Weltempfindung\n\u00fcbergeht. Denn aus Empfindungen heraus entstehen die Impulse zur Reform, zum\nWeiterarbeiten. Anthroposophie will eine solche Welterkenntnis sein, die nicht\nim Abstrakten bleibt, die in die Empfindung sich hineinlebt, und die dadurch zu\neiner Grundlage f\u00fcr P\u00e4dagogik und Didaktik werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir im Vorstellungsleben durch lange Zeiten begr\u00fcndet haben, tritt\nuns im \u00e4usseren Leben gegenw\u00e4rtig bereits historisch entgegen. Der Mensch ist\ndurch die Ideen \u00fcber die Welt, durch seine Welterkl\u00e4rung, aus der Welt\nherausgeworfen worden. Auf dasjenige, was sich da als Vorstellung in den\nOberschichten der menschlichen Zivilisation herausgebildet hat, antwortet heute\ndas Echo aus den Impulsen von Millionen und aber M\u00fclionen des Proletariervolkes.\nUnd die zivilisierte Welt will den Zusammenhang zwischen dem, was sie denkt,\nund dem, was heute aus den Gem\u00fctern der Proletarier darauf antwortet, nicht\neinsehen. Dasjenige, was als eine Empfindung in dem einzelnen Menschen wie eine\ntragische Stimmung leben kann, dass er sich sagt: was aus dem Menschen\nherauskommt an moralischen Idealen, an religi\u00f6sen Impulsen, das sind im Grunde\ngenommen Illusionen, eingezw\u00e4ngt zwischen dem nebulosen Erdenanfang und dem\nW\u00e4rmetod der Erde, das tritt uns in der Lebensphilosophie von Millionen und\nMillionen Proletariern heute entgegen. In dieser Lebensphilosophie wird als das\neinzige Reale dasjenige aufgefasst, was der Mensch im wirtschaftlichen Leben\narbeitet und erf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie durch die verschiedenen Epochen der Menschheitsentwicklung hindurch\ngewirtschaftet worden ist, wie gearbeitet worden ist im wirtschaftlichen Leben,\nwie produziert worden ist, wie gekauft, verkauft worden ist, wie durch dieses\nProduzieren, durch dieses Kaufen und Verkaufen die Lebensbed\u00fcrfnisse befriedigt\nworden sind, das soll nach dieser proletarischen Weltanschauung, nach dieser\nproletarischen Welt-philosophie die einzige Wirklichkeit sein. Dagegen alles\ndasjenige, was im wirtschaftenden Menschen aufsteigt als moralische Anschauung,\nals religi\u00f6se Ideale, als k\u00fcnstlerische Impulse, als Staatsideale, das ist eine\nIdeologie, das ist etwas im Grunde Illusion\u00e4res, das ist ein unwirklicher\nUeberbau \u00fcber dem einzig Wirklichen der Produktionsprozesse. In dieser Form ist\ndas, was sich in den Oberschichten der Menschen mehr wie eine theoretische,\nh\u00f6chstens noch wie eine religi\u00f6se Ueberzeugung erhalten hat, in den\nproletarischen Schichten praktische Lebensweisheit nicht nur, sondern\nLebensrealit\u00e4t geworden; das ist dasjenige geworden, wonach gehandelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieses Leben ist der Mensch hineingestellt. Aus diesem Leben heraus\nwill er erziehen und muss er erziehen. Aber er muss dieses Leben, wenn er\nerziehen will, wenn er unterrichten will, unbefangen anschauen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Eigent\u00fcmliches, dass gerade der Intellektualismus mit seinem\nGefolge der naturalistischen Lebensauffassung, eigentlich den Menschen nicht\ntiefer in die Wirklichkeit hineingebracht hat, sondern aus der Wirklichkeit\nherausgebracht hat. Verfolgen Sie fr\u00fchere Lebensphilosophien von diesem\nGesichtspunkte aus: Sie werden \u00fcberall Lebensgedanken finden, die geeignet\nsind, an das Leben irgendwo anzukn\u00fcpfen, denen gegen\u00fcber es dem Menschen ja\nnicht einfallen w\u00fcrde, sie als blosse Ideologie anzusehen. Die Menschen\nwurzelten eben im Leben, und sie konnten deshalb nicht daran denken, dass ihre\nGedanken nur wie ein Rauch w\u00e4ren, der aus dem Leben aufsteigt. Heute ist diese\nAnschauung \u00fcber einen grossen Teil der gebildeten Welt hin Lebenspraxis\ngeworden. Und die Menschheit seufzt unter den Folgen desjenigen, was da\ngeworden ist. Aber die Menschheit will noch nicht einsehen, dass, was in\nRussland geschieht und immer weiter geschehen wird in der Welt, das Ergebnis\ndessen ist, was an unseren Universit\u00e4ten gelehrt, was in unseren Schulen\nheranerzogen wird. Es wird gelehrt, es wird herangezogen, \u2014 in der einen\nLokalit\u00e4t hat man nicht den Mut, die Konsequenzen zu ziehen, in der anderen\nLokalit\u00e4t geht man bis zu den \u00e4ussersten Konsequenzen. Man wird das rollende\nRad nicht aufhalten k\u00f6nnen, wenn man nicht bis zur Klarheit gerade auf diesem\nGebiet dr\u00e4ngt, hier wirklich Ursache und Wirkung einzusehen, wenn man nicht\neinsieht, dass der Mensch in eine Wirklichkeit hineingestellt ist, innerhalb\nwelcher er sich unm\u00f6glich wird bewegen k\u00f6nnen, wenn er sie bloss intellektualistisch\nerfasst. Der Intellektualismus hat als ein Instrument keine Kraft, in die\nWirklichkeit einzugreifen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 304 Erziehung und Unterrichtsmethode auf\nanthroposophischer Grundlage<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>Seite 126<\/p>\n\n\n\n<p>1921-1922<\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00e4tten ja gar nicht die M\u00f6glichkeit gehabt unsere Waldorfschule zu\nbegr\u00fcnden, wenn wir nicht auf gewisse Kompromisse eingegangen w\u00e4ren. Ich habe\ndaher gleich beim Beginn der Waldorfschule f\u00fcr das Ministerium ein Memorandum\nausgearbeitet, worinnen ich gesagt habe: Wir verpflichten uns, die Kinder mit\ndem neunten Jahre so weit zu haben, da\u00df sie in jede andere Schule \u00fcbertreten\nk\u00f6nnen; dann wiederum mit dem zw\u00f6lften Jahr und wiederum mit dem vierzehnten\nJahr. Aber in der Zwischenzeit wollen wir f\u00fcr die Methodik vollkommene Freiheit\nhaben. Das ist zwar ein Kompromi\u00df, aber man mu\u00df eben mit dem Gegebenen rechnen.\nDennoch aber, in gewissen Dingen konnten wir das durchf\u00fchren, was einfach f\u00fcr\neine gesunde P\u00e4dagogik und Didaktik selbstverst\u00e4ndlich ist: das ist zum\nBeispiel das Zeugniswesen. Sehen Sie, ich habe es ja in meiner Jugend auch\nerfahren, da\u00df dasteht im Zeugnis: \u00abfast lobenswert\u00bb, \u00abkaum befriedigend\u00bb und so\nweiter. Aber ich bin nie darauf gekommen, durch welche Weisheit die Herren\nLehrer darauf kamen, von \u00abkaum befriedigend\u00bb ein \u00abfast befriedigend\u00bb zu unterscheiden,\ndas ist mir bis jetzt nicht aufgegangen. Entschuldigen Sie, aber es ist so.\nStatt solcher Zensuren stellen wir Zeugnisse aus, welche in den Worten, die dem\nLehrer vom Schnabel gewachsen sind, gegen\u00fcber dem Kinde sich aussprechen, die\nkeine Zahlen haben und dadurch Phrase sind gegen\u00fcber dem Kinde. Denn wenn etwas\nkeinen Sinn hat, so ist es eben Phrase. Wenn das Kind langsam in das Leben\nhineinw\u00e4chst, so schreibt der Lehrer in das Zeugnis dasjenige auf, was f\u00fcr das\nKind speziell notwendig ist; so da\u00df f\u00fcr jedes Kind etwas anderes dasteht &#8211; eine\nArt Charakteristik des Kindes. Und dann geben wir jedem Kinde, wenn das\nSchuljahr aus ist, einen Spruch mit, der ihm entspricht. Nun nimmt es\nallerdings etwas Zeit, bis jedes Kind in der Weise sein Zeugnis bekommt. Das\nKind nimmt es in die Hand, hat einen Spiegel vor sich. Ich habe bisher noch\nkein Kind gefunden, das nicht mit Interesse sein Zeugnis in die Hand genommen\nh\u00e4tte, selbst wenn nicht alles besonders gelobt wurde. Und besonders der\nGeleitspruch ist etwas, was dann dem Kinde etwas sein kann. Sehen Sie, man mu\u00df\nalle Mittel anwenden, um dann bei den Kindern die Empfindung hervorzurufen, da\u00df\ndiejenigen, die sie leiten und erziehen, in ernsthafter Weise, nicht einseitig,\nsondern so, da\u00df ein unmittelbares Interesse da ist f\u00fcr das Kind, die Zeugnisse\nausstellen. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 305 Die geistig-seelischen Grundkr\u00e4fte der\nErziehungskunst. Spirituelle Werte in Erziehung und sozialem Leben<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1922<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 152<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat es ja n\u00f6tig, dasjenige, was man mit dem\nKinde in einem Schuljahre erarbeitet, festzustellen, wenn das Schuljahr\nabgeschlossen ist. Man nennt das heute: Zeugnis dar\u00fcber ausstellen, ob und\ninwiefern das Kind das Lehrziel erreicht hat. In manchen L\u00e4ndern wird die Art\nund Weise, wie das Lehrziel von dem Kinde erreicht worden ist in einem Jahre\noder manchmal sogar in Zwischenpausen, den Eltern und den f\u00fcr das Kind\nverantwortlichen Menschen so mitgeteilt, da\u00df man Zahlen aufgestellt hat: 1, 2,\n3, 4; jede Zahl bedeutet, da\u00df das Kind in bezug auf gewisse Gegenst\u00e4nde eine gewisse\nF\u00e4higkeit erlangt hat. Manchmal, wenn man nicht wei\u00df, ob eine 3 oder eine 4 das\nrichtige Ma\u00df ausdr\u00fcckt, wie das Kind diese F\u00e4higkeit erreicht hat, so schreibt\nman 3 \u00bd&nbsp; und manche Lehrer haben es gar\nzu der gro\u00dfen Kalkulationskunst gebracht, 3 \u00bc&nbsp;\nzu schreiben. Ich gestehe\nIhnen, da\u00df ich diese Kunst, in solchen Zahlen die menschlichen F\u00e4higkeiten\nauszudr\u00fccken, mir nie aneignen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zeugniswesen in der Waldorfschule wird in einer anderen Weise\ngehandhabt. Gerade wenn der Lehrk\u00f6rper, das Lehrerkollegium eine solche Einheit\nist, da\u00df jedes Kind in der Schule von jedem Lehrer in einem gewissen Sinne\ngekannt ist, dann ist es auch m\u00f6glich, aus dem Ganzen des Kindes heraus ein\nUrteil \u00fcber das Kind abzugeben. Daher sieht ein Zeugnis, das wir am Ende eines\nSchuljahres dem Kinde ausstellen, so wie eine kleine Biographie aus, wie\nAper\u00e7us aus, \u00fcber die Erfahrungen, die man mit dem Kinde in und au\u00dfer der\nKlasse w\u00e4hrend des Jahres gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kind hat dann, und die Eltern, die verantwortlichen Vorm\u00fcnder haben\nvor sich ein Spiegelbild desjenigen, wie das Kind in diesem Lebensalter ist.\nUnd wir haben sogar in der Waldorfschule die Erfahrung gemacht, da\u00df man herben\nTadel in dieses Spiegelzeugnis hineinschreiben kann, die Kinder nehmen das mit\nZufriedenheit auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann schreiben wir in das Zeugnis noch etwas anderes hinein. Wir\nverbinden Vergangenheit mit Zukunft. Wir kennen das Kind, wissen, ob es in der\nWillenst\u00e4tigkeit, im Gef\u00fchlsleben, in der Denkaktivit\u00e4t fehlt, wissen, ob die\noder jene Emotionen pr\u00e4dominieren. Darnach formen wir f\u00fcr jede einzelne\nKindesindividualit\u00e4t in der Waldorfschule einen Kernspruch. Den schreiben wir\nin das Zeugnis hinein. Der soll eine Richtschnur f\u00fcr das ganze n\u00e4chste\nSchuljahr sein. Das Kind nimmt diesen Kernspruch so auf, da\u00df es immer daran\ndenken mu\u00df. Und dieser Kernspruch hat dann die Eigenschaft, auf den Willen oder\nauf die Affekte oder Gem\u00fctseigenschaften in entsprechender Weise ausgleichend,\nkontrollierend einzuwirken.<\/p>\n\n\n\n<p>So hat das Zeugnis nicht nur einen intellektuellen Ausdruck daf\u00fcr, was\ndas Kind geleistet hat, sondern es hat eine Kraft in sich, es wirkt, bis das\nKind wiederum ein neues Zeugnis bekommt. Aber gerade daraus k\u00f6nnen Sie\nentnehmen, wie genau man eindringen mu\u00df in die kind\u00adliche Individualit\u00e4t, um\nbis zu einem gewissen Grade das Kind mit einem solchen tatkr\u00e4ftigen Zeugnisse\nzu entlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sehen daraus zugleich, da\u00df es uns in der Waldorfschule nicht darauf\nankommt, eine Schule zu begr\u00fcnden, die ganz besondere \u00e4u\u00dfere Einrichtungen\nbraucht. Wir legen allen Wert auf dasjenige in der P\u00e4dagogik und Didaktik, was\naus den Lebensverh\u00e4ltnissen heraus heute jedem Schulwesen eingeimpft werden\nkann. Wir sind nicht Revolution\u00e4re, die einfach sagen: Stadtschulen taugen\nnichts, man mu\u00df alle Schulen hinaus verlegen auf das Land und dergleichen,\nsondern wir sagen: das Leben aus seinen Verh\u00e4ltnissen heraus gibt dies oder\njenes; wir nehmen die Verh\u00e4ltnisse, wie sie sind, und bringen in jede Art von\nSchulwesen dasjenige hinein, was aus diesen Verh\u00e4ltnissen heraus in richtiger\np\u00e4dagogisch-didaktischer Weise zum Menschenheile wirken kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch kommen wir auch in die Lage, m\u00f6glichst wenig Gebrauch von dem\nmachen zu m\u00fcssen, was man sonst im Leben nennt \u00absitzen bleiben\u00bb, da\u00df das Kind\nin der Klasse, in der es ein Jahr war, noch ein Jahr verweilen mu\u00df, damit es\ndarinnen noch gescheiter wird. Man hat uns sogar in der Waldorfschule getadelt,\nweil wir in den h\u00f6heren Klassen solche Kinder haben, von denen die \u00e4u\u00dferen\nSchulbeh\u00f6rden meinten, sie h\u00e4tten sitzen bleiben m\u00fcssen. Bei uns ist es au\u00dferordentlich\nschwierig, schon aus gewissen menschlichen Gr\u00fcnden, dieses Sitzenbleiben\ndurchzuf\u00fchren, weil unsere Lehrer so sehr an den Kindern h\u00e4ngen, da\u00df manche\nTr\u00e4nen vergie\u00dfen w\u00fcrden, wenn sie ein Kind zur\u00fccklassen m\u00fc\u00dften. Es ist so, da\u00df\ntats\u00e4chlich ein inniger Kontakt zwischen den Kindern und dem Lehrer\nhervorgerufen wird, und dadurch wird tats\u00e4chlich auch dieses omin\u00f6se\nSitzenbleiben vermieden. Man kann ohnedies nichts Vern\u00fcnftiges mit diesem\nSitzenbleiben anfangen. Denn nehmen wir an, wir lassen einen Jungen oder ein\nM\u00e4dchen mit 9 Jahren sitzen in einer vorhergehenden Klasse; das M\u00e4dchen oder\nder Knabe ist aber so veranlagt, da\u00df ihm, wie man sagt, der Knopf im 11. Jahre\naufgeht, dann bringen wir das Kind in die Klasse des 11. Jahres um ein Jahr zu\nsp\u00e4t. Das ist ein viel gr\u00f6\u00dferer Schaden, als wenn der Lehrer mit diesem Kinde\neinmal M\u00fche gehabt hat, indem es schw\u00e4cher sich in die Gegenst\u00e4nde eingelebt\nhat und es in der n\u00e4chsten Klasse doch mitnehmen mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur f\u00fcr die allerschw\u00e4chsten Sch\u00fcler haben wir eine Hilfsklasse\neingerichtet. Wir haben nur eine Hilfsklasse, in der wir die schwachen Sch\u00fcler\naller \u00fcbrigen Klassen haben m\u00fcssen, weil wir zu einer gro\u00dfen Anzahl von\nHilfsklassen kein Geld haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>GA 310 Der p\u00e4dagogische Wert der&nbsp; Menschenerkenntnis und der Kulturwert der\nP\u00e4dagogik<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p>1924<\/p>\n\n\n\n<p>Seite 176<\/p>\n\n\n\n<p>Als unsere Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen zum ersten\nMal die letzte Klasse zu absolvieren hatten, waren wir zu folgendem gen\u00f6tigt.\nDamit die jungen Menschen nun den Anschlu\u00df finden an die tote Kultur &#8211; wir\nhatten ihnen nur lebendige Kultur geben k\u00f6nnen, nun mu\u00dften sie den Anschlu\u00df an\ndie tote Kultur finden, das hei\u00dft, sie mu\u00dften ein Abiturientenexamen ablegen so\nmu\u00dften wir die letzte Klasse so gestalten, da\u00df unsere Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen\ndas Abiturientenexamen ablegen konnten. Das hat aber unseren Lehrplan ganz\ndurchkreuzt, und wir empfanden es in der Lehrerschaft als etwas ungeheuer\nSchwieriges, in der letzten Klasse so zu stehen, da\u00df wir unseren ganzen\nLehrpian auf die Examensarbeit hin einrichten mu\u00dften. Wir haben es getan. Wenn\nich die Klasse besucht habe &#8211; es war mir wirklich gar nicht leicht, denn da\ng\u00e4hnten die Sch\u00fcler auf der einen Seite, weil sie lernen mu\u00dften, was sie im\nExamen sp\u00e4ter kennen mu\u00dften; auf der andern Seite wollte man dann manchmal\netwas einf\u00fcgen, was sie nicht zu kennen brauchten, aber was die Sch\u00fcler wissen\nwollten. Da mu\u00dfte man ihnen immer sagen: Das m\u00fc\u00dft Ihr aber nicht beim Examen\nsagen. -Es ist schon eine Schwierigkeit. Und dann kam es zum Examen. Es ging leidlich ab. Aber wir hatten &#8211;\nverzeihen Sie, wenn ich das triviale Wort gebrauche &#8211; im Lehrerkollegium und in\nden Lehrerkonferenzen den Katzenjammer. Wir sagten uns: Nun haben wir die\nWaidorfschule eingerichtet; jetzt, wo wir sie kr\u00f6nen sollten durch das letzte\nSchuljahr, da k\u00f6nnen wir unsere Intentionen, das, was die Schule sein sollte,\nnicht durchf\u00fchren. Und so haben wir dann trotz alledem den Beschlu\u00df gefa\u00dft, bis\nzum letzten Schuljahre, bis zum Ende der 12. Klasse streng den Lehrplan\ndurchzuf\u00fchren und daneben den Eltern und Sch\u00fclern den Vorschlag zu machen,\nnachher noch ein Jahr dranzust\u00fcckeln, damit die Sch\u00fcler dann ihr Examen machen\nk\u00f6nnen. Namentlich die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen unterziehen sich diesem mit der\ngr\u00f6\u00dften Hingabe, da\u00df sie wirklich nun mit dem, was in der Waldorfschule\nintendiert, gewollt wird, auskommen wollen. Wir haben eigentlich keinen\nWiderspruch erfahren. Das einzige, worum wir gebeten wor\u00adden sind, ist, da\u00df nun\nWaldorfschullehrer diese Trainierung zum Examen vornehmen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht, wie schwierig es ist, etwas, was aus blo\u00dfer Menschen\u00aderkenntnis\nhervorgehen sollte, tats\u00e4chlich in die heutige sogenannte Wirklichkeit\nhineinzustellen. Wenn man kein Phantast ist, der das nicht einsieht, da\u00df man\nmit der Wirklichkeit rechnen mu\u00df, dann hat man es erst ganz besonders schwer.\nUnd so steht auf der einen Seite, ich m\u00f6chte sagen als etwas, was\nselbstverst\u00e4ndlich geliebt wird, die p\u00e4dagogische Kunst innerhalb der\nanthroposophischen Bewegung drinnen; so steht aber wiederum die\nanthroposophische Bewegung mit ungeheuren Schwierigkeiten in der allgemeinen\nheutigen sozialen Ordnung drinnen, wenn sie dasjenige verwirklichen will,\ngerade auf dem geliebten Gebiete der P\u00e4dagogik, wovon sie die innerste\nNotwendigkeit einsieht. Auch das mu\u00df lebensvoll ins Auge gefa\u00dft werden. Denn\nglauben Sie nicht, da\u00df es mir einen einzigen Augenblick einf\u00e4llt, den-jenigen\nzu belachen, der irgendwie innerlich sagt: Es ist doch nicht so schlimm; das\nalles ist doch eine Mache, denn es geht doch an andern Schulen auch ganz\nordentlich zu. &#8211; Nein, darum handelt es sich nicht! Ich wei\u00df schon, wieviel\nArbeit und M\u00fche und auch Geist im heutigen Schulwesen drinnensteckt. Ich kann\nes durchaus einsehen. Aber die Menschen denken heute leider zu kurz. Man sieht\nnicht die F\u00e4den zwischen dem, was Erziehung im Laufe der letzten Jahrhunderte\ngeworden ist, und dem, was im sozialen Leben zerst\u00f6rend, vernichtend,\nverheerend uns entgegenst\u00fcrmt. Da\u00df Anthroposophie wei\u00df, welches die Bedingungen\neines Kulturwachstums in die Zukunft hinein sind, dies allein zwingt sie,\nsolche Methoden herauszuarbeiten, wie Sie sie auf p\u00e4dagogischem Gebiete finden.\nUm die Menschheit handelt es sich, um die M\u00f6glichkeit, fortzuschreiten, nicht\nzur\u00fcckzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Aber diese Br\u00fccke vom Erwachsenen\nzur Kindeswelt mu\u00df wieder gefunden werden, und dazu m\u00f6chte Anthroposophie das\nihrige beitragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a>Seminarbesprechungen<\/a> <\/h2>\n\n\n\n<p>Seite 23<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird die Frage nach Lehrb\u00fcchern gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Steiner: Man mu\u00df sich die gebr\u00e4uchlichen ansehen. Wenn wir ohne\nB\u00fccher auskommen, um so besser. Wenn die Kinder keine \u00f6ffentlichen Pr\u00fcfungen machen\nm\u00fcssen, dann braucht man keine B\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u00d6sterreich m\u00fc\u00dfte man die Kinder, zur\n\u00f6ffentlichen Pr\u00fcfung f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fc\u00dften feststellen, wie man w\u00fcnscht, da\u00df wir das Erreichen der\nLehrziele nachweisen. Das Ideal w\u00e4re, gar keine Pr\u00fcfung zu haben. Die Schlu\u00dfpr\u00fcfung\nist ein Kompromi\u00df mit der Beh\u00f6rde. Pr\u00fcfungsangst wirkt vor der Geschlechtsreife\nso, da\u00df sie die physiologisch-psychologische Konstitution des Menschen treibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beste w\u00e4re die Abschaffung alles Pr\u00fcfungswesens.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder werden viel schlagfertiger werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Seminarbesprechungen <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seite 97<\/p>\n\n\n\n<p>G.: Ich dachte an die erste bis dritte Klasse. Bei Faulheit w\u00fcrde ich\nmit Strenge vorgehen und den Ehrgeiz zu wecken versuchen. Zuweilen mu\u00df man das\nKind darauf hinweisen, da\u00df es eventuell die Klasse wiederholen mu\u00df. Da mu\u00df man\neben auch Eifer und Ehrgeiz wecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Steiner: Auf den Ehrgeiz zu rechnen, w\u00fcrde ich nicht so sehr\nempfehlen. Der Ehrgeiz sollte nicht so sehr geweckt werden. In den ersten\nUnterrichtsjahren kann man solche Dinge, wie Sie sie vorschlagen, sehr gut\nbrauchen, doch ohne zu starkes Betonen des Ehrgeizes, sonst mu\u00df man diesen\nEhrgeiz sp\u00e4ter ja wieder wegerziehen. Man wird aber ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, das\nmu\u00df ich immer wiederum sagen, die Di\u00e4t und Ern\u00e4hrung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Seminarbesprechungen <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seite98<\/p>\n\n\n\n<p>A.: Ich hatte mir gedacht, da\u00df bei den Kleinsten im Rechnen Gruppen\nzur\u00fcckbleiben. Am liebsten mache ich alles anschaulich an den Fingern, an\nPapierst\u00fcckchen, an Kugeln oder Kn\u00f6pfen. Man kann auch einen sogenannten\nAbteilungsunterricht einf\u00fchren; ohne da\u00df die Kinder es wissen, sind sie in zwei\nGruppen eingeteilt, Begabte und Schwache. Man nimmt dann die Schwachen\nbesonders vor, damit die Begabten nicht durch sie zur\u00fcckbleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Steiner: Newton, Helmholtz, Julius Robert Mayer w\u00fcrden in einem\nsolchen Falle immer unter den Schwachen gesessen haben. <\/p>\n\n\n\n<p>A.: Das schadet ja nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Steiner: Gewi\u00df, das schadet nichts. Sogar Schiller w\u00fcrde unter\nden Schwachen gesessen haben. Nach dem Lehrbef\u00e4higungszeugnis f\u00fcr Robert\nHamerling war er verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u00fcberall mit guten Zensuren bedacht, nur nicht\nim deutschen Aufsatz. Da hatte er als Zensur eigentlich unter normal.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Seminarbesprechungen <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seite 187<\/p>\n\n\n\n<p>R. fragt, ob man Zeugnisse geben soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Steiner:\nSolange die Kinder in derselben Schule sind wozu soll man da Zeugnisse geben?\nGeben Sie sie dann, wenn die Kinder abgehen. Es ist ja nicht von einer tiefgehenden\np\u00e4dagogischen Bedeutung, neue Zensuren auszusinnen. Zensuren unter die einzelnen Arbeiten w\u00e4ren\nganz frei zu geben, ohne bestimmtes Schema.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mitteilung an die Eltern ist ja unter\nUmst\u00e4nden auch etwas wie eine Zensur, aber das wird sich nicht ganz vermeiden\nlassen. Wie es auch z.B. als\nnotwendig sich herausstellen kann &#8211; was wir nat\u00fcrlich mit einer gewissen\nanderen Note behandeln w\u00fcrden, als es gew\u00f6hnlich behandelt wird &#8211; da\u00df ein\nSch\u00fcler l\u00e4nger auf einer Stufe bleiben mu\u00df; das m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich dann auch\nmachen. Wir werden es ja tunlichst vermeiden k\u00f6nnen durch unsere Methode. Denn\nwenn wir den praktischen Grundsatz verfolgen, wom\u00f6glich so zu verbessern, da\u00df\nder Sch\u00fcler durch die Verbesserung etwas hat &#8211; also wenn wir ihn rechnen\nlassen, weniger Wert darauf legen, da\u00df er etwas nicht kann im Rechnen, sondern\ndarauf, da\u00df wir ihn dazu bringen, da\u00df er es nachher kann &#8211; wenn wir also das\ndem bisherigen ganz entgegengesetzte Prinzip verfolgen, dann wird das\nNichtk\u00f6nnen nicht mehr eine so gro\u00dfe Rolle spielen, als es jetzt spielt. Es\nw\u00fcrde also im ganzen Unterricht die Beurteilungssucht, die der Lehrer sich\ndadurch anerzieht, da\u00df er jeden Tag Noten ins Notizbuch notiert, umgedreht\nwerden in den Versuch, in jedem Momente dem Sch\u00fcler immer wieder und wiederum\nzu helfen und gar keine Beurteilung an die Stelle zu setzen: Der Lehrer m\u00fcsste\nsich ebenso eine schlechte Note geben wie dem Sch\u00fcler wenn der etwas noch nicht\nkann, weil es ihm dann nur noch nicht gelungen ist, es ihm beizubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mitteilung an die Eltern als von der Aussenwelt gefordetes, k\u00f6nnen\nwir, wie gesagt, Zeugnisse figurieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da m\u00fcssen wir uns schon an das halten, was \u00fcblich ist. Aber in der\nSchule m\u00fcssen wir durchaus die Stimmung geltend machen, dass das eben f\u00fcr uns\nnicht in erster Linie eine Bedeutung hat. Diese\nStimmung m\u00fcssen wir verbreiten wie eine moralische Atmosph\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GA 81 Erneuerungs-Impulse f\u00fcr Kultur und Wissenschaft 1922 Seite 87 Ich will nur eines erw\u00e4hnen. 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